Wie sich die Lage zurzeit gestaltet – bei uns und anderswo

12.05.2021 – Wir freuen uns. Es wird ein Zürcher Theater Spektakel 2021 geben – mit Vorstellungen nicht nur in der Werft und der Roten Fabrik, sondern auch in zwei Spielstätten auf der Landiwiese. Für die Wiese arbeiten wir darüber hinaus auch an installativen und performativen Interventionen. Um das zu realisieren, sprechen wir oft mit internationalen Künstler*innen und haben dabei immer wieder die Chance, in der unübersichtlichen Realität der Pandemie aus erster Hand zu hören, wie sich die Lage zurzeit anderswo gestaltet. Das macht oft weniger Freude.

So etwa in Kolumbien, wo Mapa Teatro an einem Projekt für Zürich arbeitet, das wir 2020 realisieren wollten und nun für diesen Sommer planen: Nachdem Kolumbien relativ gut durch das letzte Jahr gekommen ist, so erzählen uns die Mitglieder von Mapa, befindet sich das Land nun in einer massiven dritten Welle. Die Folge ist eine strikte Ausgangssperre, die grosse Teile der Bevölkerung hart trifft: viele Menschen arbeiten im informellen Wirtschaftssektor. Die Krankenhäuser sind voll, Sauerstoff wird knapp. Die Regierung hat zur Sanierung der Corona-bedingt schlechteren Haushaltslage eine Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel beschlossen. Am letzten Video-Call hat so nur ein Mitglied von Mapa teilgenommen – der Rest der Gruppe war mit dem Generalstreik als Reaktion auf die Massnahme beschäftigt. Mittlerweile ist der Wirtschaftsminister zurückgetreten und die Steuerreform wurde zurückgezogen. Parallel tobt ein Kampf unter den Ländern Südamerikas um die Verteilung der Impfstoffe. In diesem Wahnsinn Kunst zu machen, ist vielleicht absurd und ein Moment der Hoffnung zugleich.

Die Mitglieder von Mapa Teatro sind nicht die einzigen, die daran arbeiten, in dieser Realität internationale Kunst zu einem Publikum zu bringen. In Hongkong etwa experimentiert der Theatermacher Royce Ng daran, Avatare zu entwerfen, mit denen seine Arbeit in Zürich live stattfinden kann – ohne seine Anwesenheit. In Kanada entwickelt die Musikerin Feist «Alone.Together», ein Corona-safes Konzertsetting.

Viele Details bleiben weiterhin unklar für die Planung des diesjährigen Theater Spektakels. Anderes ist klar: Wir werden in einem dann weitgehend durchgeimpften Land eine Veranstaltung machen, zu der viele Künstler*innen aus Ländern anreisen, in denen es kaum Impfstoff gibt – und auch noch lange nicht geben wird. Das war schon immer so: dass zu Festivals wie dem Zürcher Theater Spektakel Künstler*innen in privilegierte Länder reisen. Neu ist, dass wir Zeug*innen davon sind, wie sich diese Ungleichheiten weiter verschärfen angesichts eines eigentlich wirklich globalen Problems.

Wir glauben weiter daran, dass internationale Kunst auch in solchen Situationen Perspektiven eröffnen kann. Die Künstler*innen des Peng!-Kollektivs etwa haben in ihrem neusten Projekt Biontech-Mitarbeitende aufgerufen, die Herstellungsanleitung des Impfstoffs zu leaken: Mit Plakaten vor den Produktionsstätten in Marburg und Mainz, einer Website und einem YouTube-Video fordert Peng! das #peoplesVaccine. Die indische Ethnologin Shalini Randeria wiederum hat am Wiener Burgtheater unlängst ein Gespräch mit Expert*innen geführt: Was hiesse Impfgerechtigkeit – und wie liesse sich so etwas gerade für den globalen Süden gestalten? Sie finden den Mittschnitt dieses Gesprächs hier. Randeria hatte vor drei Jahren das Essay für unser Programmheft geschrieben. «Geteilte Globalisierung» hiess es damals. Das sollte auch heute gelten. In diesem Sinne hoffen wir, dass unsere geteilte Realität bis zum Sommer eine etwas bessere ist und freuen uns auf internationale Kunst beim Theater Spektakel 2021.

Sarah Wendle, Veit Kälin, Matthias von Hartz
Co-Leitung Festival