Wie das Festival 2022 Form annimmt

25. Mai 2022 | Manchmal warten wir gerne. Eigentlich wollte uns der isländische Künstler Ragnar Kjartansson endlich eine überarbeitete Bühnenbildskizze für sein Projekt schicken, das er im August auf der Saffa-Insel präsentieren wird. Aber dann war er damit beschäftigt, der Pussy-Riot-Gründerin Marija Aljochina zu helfen, aus Russland auszureisen. Die Ausreise ist auf abenteuerliche Weise geglückt. Nach Proben mit Kjartansson und der isländischen Musikerin Björk ist Aljochina nun auf Tour. Und wir bekommen hoffentlich bald unsere Skizze. 

Der Krieg in der Ukraine spielt auf unterschiedliche Art und Weise in unsere Festival-Vorbereitungen. Gleichzeitig werden wir in unseren Kontakten mit internationalen Künstler*innen immer wieder gewahr, dass es nur einer von vielen gewalttätigen Konflikten und Krisen ist, die aktuell auf dem Planenten wüten. Die Kunst, die wir zum diesjährigen Festival eingeladen haben, zeugt nicht zuletzt davon. So etwa «This Song Father Used To Sing (Three Days in May)»: Das Stück des thailändischen Autors und Regisseurs Wichaya Artamat zeigt ein Geschwisterpaar, das sich zum Gedenken an den verstorbenen Vater in Bangkok trifft. Die jüngere Vergangenheit der südostasiatischen Metropole ist von Massenprotesten geprägt, die oftmals gewaltsam vom Militär zerschlagen wurden. Auf subtile Weise verschränkt Artamat in seinem Stück die Geschichten der Geschwister mit dem politischen Kontext der thailändischen Hauptstadt.

Das Theater Spektakel 2022 ist das erste Festival seit drei Jahren, für das Gruppen in vielen Ländern wieder ohne grössere Hindernisse proben und zu dem Künstler*innen wieder weitgehend frei anreisen können. Darüber freuen wir uns sehr.  Zwei wichtige Künstler*innen Lateinamerikas können so mit grossen Produktionen nach Zürich kommen. Die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues zeigt hoffnungs- und phantasievolle Bilder einer Gesellschaft nach verzweifelten Jahren. Und der argentinische Regisseur Mariano Pensotti erzählt in «Los Años» eine Geschichte, die zwischen Europa und Argentinien und in zwei Zeiten stattfindet: in der Gegenwart und in den 2050er-Jahren – also in der Zeit «nach den grossen Pandemien», wie Pensotti es nennt.

Es sind überraschende Perspektiven wie diese, mit denen uns internationale Kunst einen anderen Blick auf unser Leben ermöglicht.

Die Festivalleitung
Matthias von Hartz, Sarah Wendle, Veit Kälin