Editorial der Festivalleitung 2026

Liebes Publikum

Die Demokratie braucht uns. Alle. Und auch die vielen Kunstschaffenden, auch die verschiedenen Kulturinstitutionen, auch die ganze Kunst. Nicht alle Künstler*innen glauben, dass ihre Kunst die Welt retten kann. Aber das heisst ja nicht, dass es nicht vielleicht doch stimmt.

Der Ernst der Lage hat dazu geführt, dass sich viele Künstler*innen mit Demokratie beschäftigen und Strategien und Formate entwickelt haben, sich und uns mit gesellschaftlicher Realität in Beziehung zu setzen. Das grösste Projekt entsteht dazu dieses Jahr in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich: «Die Allianz der letzten Demokratien». Winston Churchill schloss vor 80 Jahren in der Aula der Universität seinen legendären Appell an einen demokratischen Kontinent mit dem Aufruf «Let Europe arise!». Heute muss sich Europa fragen, wie es diese demokratische Ära in die Zukunft führen kann – und die Schweiz, ob sie dazugehören möchte. Die Gruppe Proberaum Zukunft hat dazu mit Wissenschaftler*innen der Uni eine Simulation entwickelt. Im Pre-Enactment der Gründung der fiktiven «Allianz der letzten Demokratien» bilden echte internationale und lokale Politiker*innen zusammen mit dem Publikum in der Uni eine Versammlung und müssen eine gar nicht fiktive Entscheidung treffen: Wollen wir dazu beitragen, dass die Idee einer demokratischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert überlebt?

Michiel Vandevelde, Pankaj Tiwari und Eneas Prawdzic | Violenza 2025 | @Clara Wildberger

Dass demokratiefeindliche Kräfte selbst in unserer Nachbarschaft erstarken, schreiben wir an dieser Stelle seit Jahren. Ihnen ist es vermutlich auch nicht verborgen geblieben. Wie sehr sich dabei inhumane Rhetoriken normalisiert haben, ist weniger klar. Die Produktion «Violenza 2025» macht beinahe physisch erfahrbar, wie nah mitunter wertkonservatives und faschistisches Gedankengut beieinanderliegen und wie schwer es auszuhalten ist, wenn man es ganz direkt hört und sieht. Der amerikanische Philosoph Jason Stanley beschreibt bei «Talking on Water» Faschismus in der aktuellen Landschaft und plädiert dafür, nichts unter der unscharfen Kategorie des Populismus zu verharmlosen. Seine Sicht auf die USA und die Welt wird ergänzt durch eine Nahaufnahme des Erstarkens der Rechten im deutschsprachigen Raum von den Soziolog*innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey aus Basel.

Leider hat sich nicht nur verbale Gewalt normalisiert. Zu den Kriegen in nicht ganz weiter Ferne ist ein neuer hinzugekommen, der vielleicht etwas weiter weg ist, doch in seinen Auswirkungen sehr nah. Mehrere Künstler*innen dieses Festivals leben seit Jahren oder Jahrzehnten mit direkten Konsequenzen gewalttätiger Konflikte, sei es im Baltikum, in Kolumbien, in Palästina oder im Libanon. Sie erleben sie als Theatermacher*innen, als Mitarbeitende von Hilfsorganisationen, als Angehörige oder Forschende – und sie erzählen davon, wie sich die Gewalt in ihren Alltag hinein auswirkt. Ihre persönlichen und künstlerischen Strategien bewegen sich zwischen Verzweiflung und Hoffnung und reichen von Rückgriffen auf das antike Rom bis zur Flucht ins All.

Ásrún Magnúsdóttir & Alexander Roberts | Teenage Songbook of Love and Sex | @Laimonas Puysis


Das Imaginieren einer anderen Zukunft ist ein wichtiger Motor für Transformationen. Fantasie ist eine der Superkräfte der Kunst; Kunst kann gleichermassen Empathie und Diskussionen auslösen wie Identität stiften und hinterfragen. Der belgische Kultursoziologe Pascal Gielen beschreibt im Essay in diesem Programmheft das konkrete Potenzial des Zusammenkommens von Menschen im Theater für Verbundenheit in Gesellschaften.

Jedes Jahr ist auch das Zürcher Theater Spektakel ein «unlikely encounter» unterschiedlichster Perspektiven aus der Welt. Über dieses wunderbare Zusammentreffen hinaus sind mehrere Projekte dieses Festivals reale Versammlungen unterschiedlicher Menschen: Die uruguayische Choreografin Tamara Cubas wird eine «Multitud» aus über 80 Zürcher*innen auf die Bühne bringen, der bulgarische Theatermacher Ivo Dimchev bringt sein Publikum zum Tanzen und ein bisschen Queerness für alle. Zwanzig junge Menschen aus Island und Zürich werden auf der Seebühne aus ihrem «Teenage Songbook of Love and Sex» singen und damit erfahrbar machen, wie wenig die Stimmen dieser Generation präsent sind.

Nature Theater of Oklahoma | Pizza or A Door in the Dark does not Dance | @Nature Theater of Oklahoma


Die Begegnung von vielen verschiedenen Menschen und Kunst auf der Landiwiese ist ein utopischer Moment, und es gilt wie immer: Kein Theater Spektakel ohne den Sinn des Lebens. Nature Theater of Oklahoma wird gewohnt humorvoll zwischen Partykeller und Turnhalle singend danach suchen. In ihrer Faszination für den Chansonnier Jacques Brel begegnen sich die legendäre Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker/Rosas und der junge Tänzer Solal Mariotte auf der Seebühne. Der tschechische Cirk La Putyka bespielt virtuos das Feld von Sport, Bewegung und Kunst, der junge Schweizer Künstler Julian Vogel verzaubert mit Rollerblades in seinem «Ceramic Circus», und das Fundus Theater lädt Kinder dazu ein, grosse Gefühle zu teilen. Eine besondere Künstlerin kommt das erste Mal nach Zürich. Im Schiffbau sehen Sie «Honda Romance» der französischen Akrobatin und Schauspielerin Vimala Pons. Sie arbeitet seit Jahren konsequent zu Balance, sei es physisch oder emotional; diesmal in einem so furiosen wie radikal heutigen Stück mit zehn Performer*innen.

Das Gleichgewicht zwischen Berührung und Irritation, zwischen Nachdenken und Unterhaltung hoffen wir auch dieses Jahr gefunden zu haben – auch wenn andere Dinge aus der Balance geraten sind. Die Demokratie braucht uns alle. Hatten wir vielleicht schon gesagt. Zum Glück kein Grund, nicht inspirierende Abende beim Zürcher Theater Spektakel zu verbringen. Im Gegenteil. Bis dann!

Die Festivalleitung
Matthias von Hartz, Sarah Wendle, Veit Kälin