Common questions: Tamara Cubas (Montevideo)

Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.

Die nächsten 10 Antworten kommen aus Montevideo, von Tamara Cubas, die in ihrem international gefeierten Stück Multitud über 80 Zürcher*innen tanzend auf der Bühne versammelt.

1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?

Tamara Wenn ein Kollektiv etwas hervorbringt, das keine einzelne Person allein hervorbringen kann. Nicht, weil wir alle gleich denken, sondern wenn Unterschiede koexistieren können und eine gemeinsame Erfahrung ermöglichen.
 

2. Vertraust du der Mehrheit?

Tamara Nicht unbedingt. Eine Mehrheit ist zwar Ausdruck einer kollektiven Entscheidung, aber sie verschweigt Unterschiede, reproduziert Vorurteile oder schliesst Menschen aus. Mich interessiert vielmehr, wie diese Mehrheit zustande gekommen ist, welche Stimmen gehört wurden und welche unberücksichtigt geblieben sind.
 

3. Hast du dich jemals repräsentiert gefühlt? Und falls ja, von wem?
Tamara Ja, aber niemals dauerhaft. Ich habe mich von Personen, Bewegungen und Gemeinschaften vertreten gefühlt, die sich für Freiheit, Gerechtigkeit und das Gemeinwohl eingesetzt haben. Dennoch ist Repräsentation immer nur teilweise und vorübergehend. Deshalb ist es mir so wichtig, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst sprechen und handeln können, anstatt von anderen vertreten zu werden.
 

4. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?

Tamara Nein. Ich bin aufgewachsen mit Erfahrungen von Exil, Diktaturen und demokratischen Übergängen und das hat mich gelehrt, dass Rechte leichter verloren gehen können, als wir uns vorstellen. Jede Generation trägt die Verantwortung, die Voraussetzungen dafür, dass Demokratie bestehen kann, immer wieder neu zu schaffen.
 

5. Was macht eine Begegnung wertvoll für dich?

Tamara Eine Begegnung wird dann bedeutsam, wenn es die Menschen verändert, die daran teilnehmen. Nicht, weil ein Konsens erreicht wird, sondern weil es ermöglicht, zuzuhören, zu hinterfragen und sich von der Gegenwart anderer berühren zu lassen. Mich interessieren Begegnungen, die Spuren hinterlassen, die über den gemeinsamen Moment hinauswirken.
 

6. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?

Tamara Ich fürchte, dass wir auf der Suche nach Sicherheit und Selbstverwirklichung die Fähigkeit verlieren, uns von anderen berühren zu lassen: Von Menschen, die anders sind als wir, die weit entfernt leben oder Lebensrealitäten erfahren, die uns fremd sind. Mich beunruhigt eine Gesellschaft, die zunehmend fragmentiert ist und in der Angst, Effizienz oder Algorithmen die Erfahrung der Begegnung ersetzen. Wenn wir die Empathiefähigkeit für andere Erfahrungen verlieren, wird auch die Demokratie immer fragiler.
 

7. Ist Demokratie gut für alle?

Tamara Die Demokratie ist das beste System, das wir bislang gefunden haben, um trotz unserer Unterschiede zusammenzuleben und ein gemeinsames Leben zwischen Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Weltanschauungen zu gestalten. Ihre Stärke liegt darin, anzuerkennen, dass Konflikte zum gesellschaftlichen Zusammenleben gehören, und Wege zu eröffnen, sie auszudrücken, auszuhandeln und zu verändern, ohne diejenigen zum Schweigen zu bringen, die anders denken.

Gleichzeitig sind die Möglichkeiten, sich zu beteiligen, gehört zu werden und Rechte wahrzunehmen, ungleich verteilt. Manche Menschen und Gemeinschaften verfügen über mehr Ressourcen, mehr Zeit, besseren Zugang zu Informationen und größeren Einfluss als andere. Deshalb muss die Demokratie ihre eigenen Voraussetzungen immer wieder kritisch hinterfragen.

Ihr Wert liegt auch in dieser Offenheit: darin, Ungleichheiten, Ausgrenzungen und Machtverhältnisse sichtbar zu machen, sie zur Diskussion zu stellen und verändern zu können. Mehr als ein abgeschlossenes System verstehe ich Demokratie als eine kollektive Praxis, die sich ständig weiterentwickelt und immer wieder neu geschaffen werden muss.
 

8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?

Tamara Eine Revolution wird dann notwendig, wenn die bestehenden Formen der Teilhabe und Veränderung nicht mehr ausreichen, um tief verwurzelte Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten oder Ausgrenzungen zu überwinden. Ich meine damit eine kollektive Entscheidung, die Art und Weise, wie wir zusammenleben, Ressourcen verteilen, Macht ausüben und darüber bestimmen, welches Leben schützenswert ist, grundlegend zu verändern.

Mich interessiert die Revolution über das einmalige Ereignis eines radikalen Bruchs hinaus. Sie kann sich ebenso durch beharrliche Veränderungen in den Beziehungen zwischen Menschen, in den Institutionen und in der Art und Weise vollziehen, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Sie beginnt dort, wo eine Gemeinschaft aufhört, bestimmte Verhältnisse als unvermeidlich hinzunehmen, und die Kraft findet, neue zu schaffen.
Kunst kann an diesem Prozess teilhaben, indem sie unsere Fähigkeit erweitert, gemeinsam zu denken, zu fühlen und zu handeln.
 

9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?

Tamara Ich verstehe Widerstand als eine alltägliche Praxis. Mir geht es darum, Räume der Begegnung aufrechtzuerhalten, das Gemeinsame zu pflegen, die Vielfalt zu verteidigen und nicht zuzulassen, dass Angst oder Gleichgültigkeit unsere Art zu leben bestimmen. Widerstand bedeutet auch, die Fähigkeit zu bewahren, sich andere Formen der Organisation unserer Gesellschaft vorzustellen – gerade dann, wenn die bestehenden als alternativlos erscheinen.

Ich glaube, dass jeder und jede die Verantwortung übernehmen kann, die Beziehungen zu anderen Menschen zu stärken, kritisch zu denken und sich aktiv an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen. Die Demokratie braucht dieses kontinuierliche Engagement, um lebendig zu bleiben.
 

10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?

Tamara Besonders freuen mich Nachrichten, in denen es einer Gemeinschaft gelingt, sich zu organisieren, um einen gemeinsamen Ort zu bewahren, ein Recht zu verteidigen oder ein gemeinsames Projekt zu tragen. Sie erinnern mich daran, dass kollektives Handeln noch immer die Kraft besitzt, die Wirklichkeit zu verändern.

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Welche Frage fehlt hier, sollte aber gestellt werden?

Tamara Welche materiellen Voraussetzungen ermöglichen eine wirklich demokratische Teilhabe?

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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © zvg


Trailer zum Stück

Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)

Common questions 2/10: Pavel Liska (New York)

Common questions 3/10: Jamila Baioia (Lausanne)

Common questions 5/10: Jane Mumford (Zürich)

Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich