Common questions: Jamila Baioia (Lausanne)
Common questions ist eine Serie von 10 Fragen an 10 Künstler*innen aus dem diesjährigen Programm des Zürcher Theater Spektakels. 10 Perspektiven, wie wir heute «Demokratie und Versammlung» denken und gestalten können. Die Antworten eröffnen persönliche, politische und künstlerische Perspektiven auf unser Zusammenleben, Öffentlichkeit, Verantwortung und die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns.
Die nächsten 10 Antworten kommen aus Lausanne, von Jamila Baioia, die mit ihrem aktuellen Projekt Zmagria auf dem Zentral zu sehen sein wird.
1. Wann fühlst du dich am meisten als Teil eines «Wir»?
Jamila Wenn ich mit Menschen zusammen bin, die Marginalisierungserfahrungen teilen oder sich für eine gesellschaftliche Veränderung einsetzen – etwa bei Demonstrationen für Palästina, Black Lives Matter, dem feministischen Streik, dem NOG7 usw. Dieses «Wir» ist für mich keine von vornherein gegebene nationale Identität, sondern eine Gemeinschaft, die sich durch Solidarität bildet. Ich fühle mich diesen Gemeinschaften stärker zugehörig als einer abstrakten nationalen Identität.
2. Vertraust du der Mehrheit?
Jamila Nicht automatisch. Die Mehrheit kann zwar demokratische Fortschritte bewirken, aber sie zementiert auch Herrschaftsverhältnisse. Die Schweizer Geschichte mahnt mich zur Vorsicht: Frauen mussten bis 1971 warten, bis sie auf Bundesebene wählen durften, und bestimmte Einbürgerungen oder Minderheitenrechte hängen seit langem vom guten Willen von Mehrheiten ab, die davon nicht direkt betroffen sind.
3. Hältst du Demokratie für selbstverständlich – und wenn nicht, gab es einen bestimmten Wendepunkt?
Jamila Nach meinem 18. Geburtstag musste ich feststellen, dass viele meiner Freund*innen, mit denen ich aufgewachsen und zur Schule gegangen war, nicht an denselben demokratischen Entscheidungen teilnehmen konnten wie ich. In diesem Moment begann ich, bestimmte Grenzen des Schweizer Systems konkreter wahrzunehmen.
Also nein. Ich halte die Demokratie nicht als selbstverständlich, denn sie ist es nicht für alle. Manche Menschen müssen Jahrzehnte warten, bis sie eine Staatsbürgerschaft erhalten – wenn überhaupt. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Migrant*innen, die sich voll und ganz in die Gesellschaft einbringen, ohne je auf Bundesebene politische Rechte zu haben. Die Demokratie bleibt daher in meinen Augen unvollständig.
4. Was macht eine Begegnung wertvoll für dich?
Jamila Die Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen anzuhören, Verbindungen zu knüpfen und gemeinsam Alternativen zu entwickeln. Es geht nicht nur darum, zusammen zu sein, sondern gemeinsam Sinn zu stiften.
Ich mag es auch, wenn Wut ihren Platz hat – ein Gefühl, das man sich im öffentlichen Raum letztendlich doch recht selten erlaubt.
5. Was fürchtest du, in unserer Gesellschaft zu verlieren?
Jamila Räume der Solidarität, den Service Publique, die Freiheit der Kunst und die Fähigkeit, die Würde jedes Einzelnen anzuerkennen, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Geschlecht oder seinem sozialen Status.
6. Ist Demokratie gut für alle?
Jamila Im Prinzip ja, in der aktuellen Praxis nein. Manche Menschen haben viel mehr Einfluss als andere. Eine Person in prekären Lebensverhältnissen ohne Schweizer Pass hat nicht denselben Zugang zur Macht wie Schweizer*innen mit Hochschulabschluss und gutem Einkommen. So kann die Demokratie ihre Vorteile nicht voll entfalten.
7. Hast du jemals aufgrund einer öffentlichen Diskussion deine Meinung geändert?
Jamila Ja. Politisches Engagement muss jederzeit hinterfragt werden können, insbesondere indem jenen Menschen zugehört wird, die direkt von bestimmten Formen der Unterdrückung betroffen sind, die ich selbst nicht erlebt habe.
Eine Meinung zu ändern ist keine Schwäche, sondern manchmal ein Zeichen dafür, dass man etwas gelernt hat.
8. Was würde dich dazu bringen, eine Revolution zu starten?
Jamila Eine massive Einschränkung der Grundfreiheiten oder das Gefühl, dass es keine demokratischen Mittel mehr gibt, um grosse humanitäre Katastrophen zu verhindern. Ich denke dabei insbesondere an Gaza, wo ich ein moralisches und politisches Versagen der internationalen Gemeinschaft sehe.
9. Leistest du aktiv Widerstand? Und falls ja, gibt es eine Sache, die wir alle tun sollten?
Jamila Auf meine Weise, ja.
Wir sollten alle lernen, uns kollektiv zu organisieren, anstatt Problemen allein gegenüberzustehen, die oft struktureller Natur sind.
10. Was war die letzte Nachricht, die dich glücklich gemacht hat?
Jamila Zuletzt haben mir insbesondere die Mobilisierung vom 14. Juni und die Ablehnung der «10-Millionen-Schweiz»-Initiative ein wenig Hoffnung gegeben.
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Welche Frage fehlt hier, sollte aber gestellt werden?
Jamila Wer ist nicht Teil des Gesprächs und warum nicht?
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Credits
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Foto: © Ghassane Kaaibich
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)
Common questions 2/10: Pavel Liska (New York)
Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich