BLOG2026
Wir dokumentieren, diskutieren und bleiben neugierig: Der Blog2026 versammelt interne und externe Perspektiven auf das diesjährige Festival – mit analogen Fotos, Erfahrungsberichten, literarischen Momentaufnahmen, Illustrationen und Updates vom Stammtisch.
04.09.2026
Analoger POV: Abschlussessen
10 Momentaufnahmen vom diesjährigen Abschlussessen nach 2,5 Wochen Festival. Herzlichen Dank und bis im nächsten Jahr.
01.09.2026
UPDATE VOM STAMMTISCH
Von Marta Piras
Am 27. August sassen etwa 20 Personen beim Stammtisch und sprachen über «Junge Menschen und Gefühle». Mit dabei waren Sibylle Peters, Leiterin des Fundus Theaters, das mit einer Kindertheaterproduktion über Gefühle am Theaterspektakel vertreten war, und Benedikt Schmied vom Initiativkomitee «Gesunde Jugend Jetzt!». Zwei Menschen aus unterschiedlichen Generationen, die sich – mit unterschiedlichen Mitteln – für das psychische Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen einsetzen.
Trotz der erschreckenden Zahlen, die Schmieds Initiative nannte – jede elfte jugendliche Person in der Schweiz und Liechtenstein hat demnach einen Suizidversuch hinter sich (2021) – war die Wortmeldung einer im Gesundheitsbereich tätigen Person besonders aufwühlend. Ihre Schilderung des Arbeitsalltags, in dem sie immer wieder mit sehr jungen Suizidüberlebenden zu tun hat, verlieh der Runde zusätzliche Dringlichkeit.
Sibylle Peters, die für ihr Stück «Grosse Gefühle – Probe mit Publikum» mit hundert Kindern geforscht hat, nannte einige der Themen, die diese beschäftigen: Liebe, Wut, Druck, Mobbing, Homophobie, Armut, Diskriminierung und Krieg. Warum sollte es uns überraschen, dass Kinder all das mitbekommen, mitdenken, miterleben und mittragen?
Die eine Stunde des Stammtisches war zu kurz. Dennoch wurden einige Ansätze diskutiert, um junge Menschen zu unterstützen: Selbstwirksamkeit ermöglichen – sei es im Sport, in der Politik, bei Hobbys oder im Theater. Viel zuhören und üben, über Probleme zu sprechen. Und ein Social-Media-Verbot – allerdings für die Erwachsenen, die mit Kindern und Jugendlichen Zeit verbringen, nicht umgekehrt.
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01.09.2026
Analoger POV: Watch & Talk
Dank einer Einwegkamera erhalten wir Einblicke in die Festivaltage von «Watch & Talk», ein mehrtägiges Begegnungs- und Austauschprogramm für junge Kunstschaffende.
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Mit: Léna Sophia Bagutti-Khennouf, Zuzanna Berendt, Andreja Kargačin, Charlotte Matthiesen, Sandra Vanessa Menendez, Zahra Mohseni, Diana Odhiambo, Vanessa Sin
Hosting Watch & Talk: Nele Solf
28.08.2027
Everything Everywhere All at Once
Erfahrungsbericht von Louisa Behr
Na, wer erinnert sich noch an die fantastische Sci-Fi Komödie von 2022? Ich würde sie folgendermassen beschreiben: Die Dramaturgie macht schon irgendwie Sinn, aber eigentlich bringt der bildgewaltige Film sein Publikum an die Grenzen des Begreifbaren vor lauter Action, absurder Figuren, schneller Plottwists, bunter Bilder. Ähnlich erging es mir bei dem Besuch der Zirkus-Leistungssport-Crossover Performance «St.art» der zeitgenössischen Zirkuskompanie Cirk La Putyka.
So richtig ist der Groschen erst ganz am Ende gefallen, als die Performenden in voller Eishockey-, Snowboarding- oder Rennradausrüstung auf die Bühne kamen. Dass es um eine Mélange aus Sport und Kunst geht, wurde dank der vielen Requisiten und andeutungsweise erzählerischen Passagen recht schnell vermittelt. Was es allerdings genau mit der Beziehung der beiden Betätigungen auf sich hat und wie dann auch noch der Zirkus ins Spiel kommt, habe ich erst Schritt für Schritt verstanden. Erst dachte ich, dass die Performenden selber Profi-Athlet*innen sind und ihre Erfahrungen mit Leistungsdruck, Gewinnen und Scheitern künstlerisch verarbeiten. Inzwischen vermute ich allerdings, dass das Stück gemeinsam mit Profi-Athlet*innen entwickelt wurde, die ihr Erlebtes mit den Zirkus-Akrobat*innen geteilt haben. Denn in einer Disziplin Leistungssport auf Profiniveau zu betreiben und dann auch noch akrobatisch über die Bühne fegen wäre wohl zu viel erwartet. Die Message darüber, was es bedeutet, in jungen Jahren Leistungssport zu betreiben, und wie der Druck schnell in einen Kampf gegen sich selbst umschlagen kann, wirkt nach. Ein Wechselbad der Gefühle von Euphorie über Erschöpfung bis hin zu Schwermut. Die Sequenzen wurden je detailreich inszeniert inklusive schnell wechselnder Lichtstimmungen, Nebel, aufwendigem Sound, zahlreichen Kostümwechseln und vielen (teils plakativen) Requisiten.
Das letzte Mal habe ich eine Zirkusshow vor ungefähr 10 Jahren gesehen und da stand vor allem das möglichst ästhetische Aneinanderreihen von Acts im Fokus, einer dynamischer und eindrucksvoller als der andere. Der Versuch einer dramaturgischen Erzählung spielte eine eher untergeordnete Rolle – beim Cirk La Putyka ist das anders. Auch wenn die Kompanie das Zirkusrepertoire, bestehend aus beispielsweise Trampolin, Gymnastik oder Akrobatikringen, gezielt genutzt hat, wurden die jeweiligen Choreografien in ihrer Stimmung an der Dramaturgie des Stücks ausgerichtet. So wurde der wilde Mix an Disziplinen zu einer angenehmen und überraschenden Abwechslung zu sonst oft allzu erwartbaren Inszenierungen – vor allem, wenn man sich völlig unvoreingenommen und unwissend darauf einlässt.
P.S.: Die Seebühne hat mal wieder richtig angegeben, in meinem linken Blickfeld sah ich während der ganzen Performance den leuchtenden Vollmond über dem Zürisee. Für mich ein gelungener Abschluss des diesjährigen Theater Spektakels.
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27.08.2026
Die Illustratorin Lisa Walder hat ihre Zeit als Facilitator bei Public Trust in einem Comic festgehalten.
26.08.2026
UPDATE VOM STAMMTISCH
Von Marta Piras
Die Landiwiese wurde im Zuge der Vorbereitungen zur Schweizerischen Landesausstellung 1939 dem Zürichsee abgerungen, um der «Geistigen Landesverteidigung» ein Denkmal zu setzen und eine wehrhafte, geschlossene Schweiz zu präsentieren. Neben Tradition und Tourismus prägten auch Aufrüstung und Sorgen um die «Überfremdung» die Landi – ebenso wie die Besessenheit, zu definieren und festzuschreiben, was «schweizerisch» sei. Man kann sich vorstellen, dass ein solches Projekt mehr erfand, ausschloss, verdrängte und auslöschte, als dass es tatsächlich den Anspruch hatte, die Bevölkerung der Schweiz abzubilden.
Auf ebendieser Landiwiese sitzen wir am Stammtisch mit Anisha Imhasly (Institut Neue Schweiz) und Hannan Salamat (Zürcher Institut für interreligiösen Dialog) und sprechen über Erinnerungskultur. Welche Geschichten erzählt die Schweiz über sich selbst? Wer prägt diese Geschichten – und wer kommt darin nicht vor? Ist die Schweiz besonders gut im Vergessen, und welche Arbeit müssen wir leisten, um die Praxis des Erinnerns zu erweitern?
Gemeinsam entwerfen wir anschliessend unsere utopische Landesausstellung. Es ist ein sehr lebendiger Moment, mit Voten für Vielsprachigkeit, Umweltschutz, migrantische Perspektiven und gute und günstige ÖVs. Ein schöner utopischer Moment – aber ich kann nicht darin schwelgen. Denn wie erzählt sich die Schweiz heute wirklich? Was hat sich verändert? Und welche Muster wirken unverändert fort?
25.08.2026
Analoger POV: Proberaum Zukunft
Dank einer Einwegkamera erhalten wir Einblicke hinter die Kulissen von Die Allianz der letzten Demokratien.
25.08.2026
Wir versprechen uns ewige Freundschaft
Erfahrungsbericht von Louisa Behr
Das Theater Spektakel ist das grösste Theaterfestivals der Schweiz und auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt für sein internationales Performance-, Tanz- und Theaterprogramm. Ziemlich eindrücklich! Wofür ich das Theater Spektakel darüber hinaus aber am meisten schätze, ist die Heterotopie, die es erschafft: Die Landiwiese wird für zwei Wochen zu einem Ort für Austausch, Community und Zusammenkunft. Selbst wenn ich gar nichts mit Theater am Hut hätte, würde ich hier eine aufregende Zeit verbringen. Tatsächlich tue ich das auch, denn manchmal treffe ich mich mit Friends nur zum «hängen auf der Wiese» oder ich entführe meinen weit gereisten Besuch aus Deutschland in die wundersame Welt des Theater Spektakels.
Denn da sind nicht nur die famosen Essens- und Getränkestände, die gendergerechten Toiletten, die Saffa-Insel und das überragende Konzert Line-Up, sondern vor allem die partizipativen Kunstangebote. Mein inneres Kind liebt alles, wo es mitmachen darf! Sei es grosse Knöpfe drücken, wie bei der letztjährigen interaktiven Installation «Capitalism Works for Me! True/False» von Steve Lambert, oder durch einen aufblasbaren halbtransparenten Plastikschlauch laufen, den das Kunstkollektiv Plastique Fantastique im Jahr 2023 am Seeufer installierte. Dieses Jahr sticht auf der Landiwiese sofort eine riesige weisse Wand ins Auge, auf der in schwarzen Lettern sowohl das tagesaktuelle Datum steht als auch verschiedene Schlagzeilen aus der Zeitung, wie es scheint. Es handelt sich um die partizipative Installation «Public Trust» von Paul Ramírez Jonas.
Neugierig, wie ich bin, wollte ich natürlich sofort wissen, was es damit auf sich hat. Mir wurde erklärt, dass der Künstler täglich die Nachrichtenmedien durchforste und nach (politischen) Versprechen suche: «Drake promises to visit New Ottawa concert venue» oder «Schweiz und Pakistan wollen Handel stärken». Diese werden dann auf die grosse Wand geschrieben, wobei in der Mitte Platz für Versprechen von Besucher*innen ist. Ob ich auch eines abgeben wolle? Selbstverständlich! Meine Freund*innen und ich haben also ein Versprechen abgegeben, das wir dann auch besiegeln sollten. Während die schwarzen Buchstaben angebracht wurden, erhielten wir je eine kleinformatige abgepauste Reproduktion der Wand. Diese werden bald eingerahmt an Wohnungswänden in Winterthur, Frankfurt und Hamburg hängen und an das Theater Spektakel 2026 erinnern. So kam es, dass aus ein bisschen «hängen auf der Wiese» auf einmal ein Freundschaftsbündnis geschlossen wurde – so richtig mit Ritual, Fingerabdruck und Schwur. Ach Speki, du überraschst mich jedes Jahr aufs Neue.
23.08.2026
Analoger POV: Short Pieces
Dank einer Einwegkamera erhalten wir Einblicke hinter die Kulissen der Short Pieces.
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Aws Al-Zubaïdy (Zürich, Bethlehem): Kafan
Salem & Siam (Kairo, Jerusalem, Ramallah): Hollow Embraces
Jana Jacuka (Amsterdam, Riga): Aaa (Working Title)
Fred Raposo (Amsterdam, Fortaleza): BOTO – Story Of A Birth
Martín Soria (Salta): Machito
Stéphanie Mwamba (Goma, Dakar): Kizazi
Malice (Genf, Beirut): Sorry, This Was Meant To Be Funny
22.08.2026
Von Tropfen und Menschen
Literarische Momentaufnahmen von Julia Weber
Freitag, 22. August. Es ist 17.30 Uhr. In der Mitte des Holzkonstruktes am Eingang des Theater Spektakels, unter dem die Kasse und auch der Buchladen ist, tropft es, tropft und tropft und so bildet sich langsam eine lange Pfütze. Eine Frau puzzelt an einem kleinen Tisch am Rand des Konstrukts, sie trägt ein nüchtern, cremiges Hemd, viele Menschen gehen redend an ihr vorüber. Sie reden über Essen, das Wetter, die Hitze, die politische Lage der Welt. Gegenüber der Frau sitzt ein Junge, dunkelblau gekleidet, er schaut eine Weile auf die starken Hände der Frau. Dann nimmt er ein Puzzlestück und sucht ein dazugehörendes. Jetzt schaut er auf seine eigenen Hände, leise gepolsterte Kinderhände. Es ist eine berührende Szene. Vor allem, weil sie nicht sprechen. Vor allem weil sie Hände haben und damit etwas tun, gemeinsam. Und ich stehe etwas weiter weg.
Vor dem Fabriktheater riecht es immer nach Spraydosenfarbe und oft nach feuchtem Karton. Menschen stehen vor dem Eingang, weil sie kein Ticket haben und hoffen, dass noch jemand nicht kommt und sie so eines erhalten. Die Menschen lächeln. Und ich gehe hinein. Stephanie Mwamba steht lange in kleinster Bewegung auf der Bühne, über eine Schüssel gebeugt und ich kann ihr Gesicht nicht sehen, ihre Haare sind ein Vorhang, das Licht ist Harzfarben und dickflüssig. Ich versuche mir ihr Gesicht vorzustellen, versuche die Augen zu sehen, die Nase, das Kinn in meinem Kopf, und ich sehe nur ihre Kraft. Dei Arme, die Schultern, der Rücken. Überall Kraft, In der sie anfängt zu tanzen und dann lange nicht mehr aufhört. Kizazi heisst Gebärmutter auf Swahili. Sie tanzt ohne Unterbruch. Und die Kraft wächst und in mich hinein. Neben mit sitzt eine junge Frau, die sich immer wieder nach vorne beugt und laut atmet. Ich glaube, die Kraft erreicht sie auch. Am Ende lächelt sie mich an. Ich sage, Tschüss und die junge Frau sagt auch Tschüss und die Tänzerin hat sich verbeugt und auf die Technik und das Licht gezeigt.
Am Ufer des Sees sind die Enten. Sie schlafen. Ein Kind hat einen Wutanfall und ein anderes ein Eis, braune Spitze, Rot, Weiss, Gelb. Jemand ruft seinem Hund. Der Hund ist okerbraun. Ein Mann trägt einen hellgrünen Hut und er öffnet einen Koffer, der ihm bis zur Hüfte reicht. Auf dem See sind kleine Wellen, ein Wind, der die Oberfläche aufreibt. Die Kinder um den Mann stehend, machen ein Geräusch, wie wenn man eine Flasche mit Korken öffnet. Und dann schaut er ins Publikum, ich ducke mich weg, er schaut herum und ich halte still hinter einem grossen Mann und dann holt er diesen grossen Mann zu sich. Ich atme aus. Als Kind wurde ich immer ausgesucht von den Menschen mit Hut uns Koffer. Und ich musste dann neben ihnen stehen und manchmal hatte ich plötzlich auch einen Hut auf dem Kopf, einen roten, gelben, grünen und musste böse schauen oder nicht, oder Dinge reichen fürs Jonglieren, die sie dann fallen liessen und es war mir immer ein bisschen unangenehm. Dem grossen Mann scheint es auch ein bisschen unangenehm zu sein. Ich habe sogar kurz das Gefühl, er schaut Hilfesuchen zu mir hin. Ich zucke mit den Achseln und gehe weg.
Das Bier schmeckt nach Sommer. Das Essen nach Kichererbsen und Herbst. Es hat aufgehört zu regnen, aber es tropft von den Bäumen. Es riecht nach dem Holz der feuchten Bühnen.
Auf den Wegen über das Areal treffe ich eine Musikerin, die etwas müde ist, einen Klimaaktivisten, der essen will, eine Schauspielerin, die ihr Kind auf dem Arm trägt und eine Schriftstellerin, die mich einen Engel nennt, weil ich ihr ein Ticket für das letzte Tanzstück gebe. Sie sagt, sie habe sich das überlegt, auf die Seebühne zu gehen, also das Stück anzuschauen, auf der Tribüne der Schauenden natürlich, aber nun, da ich gekommen sei, sei es ja klar, sei es ein Glück, und ihr würden in letzter Zeit immer solche Dinge passieren. Ins Hotel komme sie gratis, in der eigenen Stadt, obschon sie gar nicht ins Hotel gewollt habe, liege sie plötzlich in einem sauberen, weichen Bett, sie werde irgendwohin eingeladen, in die Oper zum Beispiel, ein neuer Kühlschrank auf der Strasse überreicht, einmal am Rad gedreht, das habe sie plötzlich ein Motorrad. Das sei ein Glück, sagt sie und ich sage, ja, das stimmt. Und dann nimmt sie das Ticket und geht weiter und ich steige in den Bus, der lange noch da steht, aus dessen Fenster ich die pink leuchtende Frau im Bücherladen sehen kann, und es tropft und tropft die in der Mitte des Holzkonstruktes von der Decke in die lange Pfütze hinein.
Später schreibt mir die Schriftstellerin:
Wer ist stärker, Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte, Jacques Brels Lieder, das Wetter, die Videoprojektionen? Kein Kräftemessen. Doch der Regen, der fast zeitgleich mit der Dauer der Vorstellung auf der Seebühne niedergeht, der Sturm und die plötzliche Eiseskälte, sie alle sind bereits so intensiv, und noch intensiver nach all den Wochen der Hitze. Sich in die riesigen Regencapes verschanzen, die das Theater Spektakel zum Glück zur Verfügung stellt, die Kapuze hoch, jede Bewegung ist nun ein Rascheln im Ohr. Dazu 90 Minuten Jacques Brel, unsterblich in seiner performativen Kraft, seine Lieder voller Welt, Schmerz, Einsamkeit, Tod, Sehnsucht, Leidenschaft. Und die beiden Tänzerinnen unten und vorne auf der grossen Bühne, zuhinterst sitzend werden sie zu kleinen Spielfiguren dieses Spektakels. Anne Teresa De Keersmaeker dreht sich im Kreis, wieder und wieder, lässt ihre Arme fliegen, elegant und zart, Solal Mariotte springt hoch, wirft sich zu Boden, steht und dreht auf dem Kopf, tanzt und breakt und geht plötzlich nur, oder liegt nur da. Zwei Körper, zwei Geschlechter, zwei Kraftzustände, zwei Alter. Videoprojektionen zeigen Wassermassen, tödliche Wellen, wuchtige Gezeiten, dazu der Regen wie eine Dusche auf den Flächen des Festivals, dann plötzlich im See ein Boot mit jungen Menschen, die rufen und dem Publikum winken, unbedarft und wild, alle lachen.
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21.08.2026
Analoger POV: Multitud
Dank einer Einwegkamera erhalten wir Einblicke hinter die Kulissen von Multitud.
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Trailer zum Stück
Common questions 4/10: Tamara Cubas (Montevideo)
21.08.2026
Die (für mich) überraschende Kraft des Tanzes
Erfahrungsbericht von Louisa Behr
Wir sind mittendrin im diesjähirgen «Short Pieces» Programm des Theater Spektakels! An drei Abenden werden je sieben maximal 45-minütige Stücke gezeigt und zwar so getaktet, dass an einem Abend mehrere besucht werden können. Das nenne ich ein Festival Line-Up par excellence. Fälschlicherweise dachte ich, es handele sich bei allen Short Pieces um Tanzstücke. Dem ist nicht so, aber ich besuchte ausschliesslich Tanzstücke.
Eines davon war das Duett «Hollow Embraces» der palästinensischen Tänzerinnen Ramz Siam und Nowwar Salem. Sie thematisieren die Widerstandsfähigkeit des Körpers in der Krise und wie der von systematischer Gewalt betroffene Mensch Orientierung finden kann. Schon im Ankündigungstext steht, dass sich eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen der Tänzerinnen in das Stück einschreiben. Natürlich kommt mir direkt der unvorstellenbare Horror des Genozids in Palästina in den Sinn und ich fragte mich, wie eine derarte Thematik wohl choreografisch verhandelt werden kann.
Zugegebenermassen hat es einen Moment gedauert, bis ich verstanden habe, ob und wie das für mich funktioniert hat. Um genau zu sein ungefähr zwei Stunden, bis ich zufällig am Zirkusstück «Triangle of Happiness» am Zentral vorbeigeschlendert bin. Die Performance bestach durch ihre akrobatische Finesse, meine Gedanken wanderten allerdings stets zurück zu «Hollow Embraces». Vor allem, als die Performer*innen des Zirkusstücks ein Lied anstimmten, wurde mir plötzlich bewusst, dass Ramz Siam und Nowwar Salem während des gesamten Duetts schweigen. «Logisch», dachte ich zunächst, «es ist ja auch ein Tanzstück». Aber die Entscheidung, das Erlebte rein körperlich zu kommunizieren, empfinde ich inzwischen als zentrale Geste, die zeigt, dass Worte dem Schrecken gar nicht gerecht werden können. Wenn diese also fehlen, bleibt das Gebärden und das ist universal und über alle Grenzen hinweg verständlich.
Das tänzerische Kommunizieren von emotionalen Empfindungen wie Wut, Trauer, Verzweiflung, Orientierungslosigkeit, aber auch Mut und Widerstand entfalteten eine für mich eine überraschende Tiefe. Ich bin definitiv ein eher sprachaffiner Mensch, ich liebe das geschriebene und gesprochene Wort und dennoch spürte ich eindrücklich, wie das choreografische Verhandeln eine neue Ebene eröffnen kann. Ramz Siam und Nowwar Salem bedienen sich verhältnismässig konkreter Bewegungsabläufe: wir sehen Umarmungen ins Leere, angedeutetes Schaufeln, Protestgesten, das gegenseitige Annähern und Abstossen der beiden Performerinnen. Die konkreten Gesten vermitteln gezielt Interpretationsangebote für das Publikum – durch das Ausbleiben der Verbalisierung gibt es jedoch inhaltlichen Spielraum und somit die Möglichkeit, jede einzelne Person individuell dort zu treffen, wo es gerade am meisten wehtut.
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19.08.2026
Die Illustratorin Lisa Walder war am 14. August bei der Premiere von Die Allianz der letzten Demokratien und wurde zeichnend und notierend total ins Stück reingezogen. Ab irgendeinem Punkt konnte sie nicht mehr mit Sicherheit sagen, was jetzt Pre-Enactment, was Theater und was gerade eine tatsächliche demokratische Debatte war.
18.08.2026
UPDATE VOM STAMMTISCH
Von Marta Piras
Der Künstler Paul Ramìrez Jonas spricht am Stammtischabend «Politik des Vertrauens» über das, was er «die Angst vor dem Publikum» nennt. Oder «the public», im Englischen auch: die Öffentlichkeit. Als Künstler, der sich mit Öffentlichkeit und Teilhabe auseinandersetzt, wird er von Institutionen oft in diesem Sinne eingeladen. Also um Werke und Formate zu gestalten, die das Publikum involvieren. Dies bringe immer Unruhe mit sich, da einerseits Institutionen es als Teil ihrer Pflicht sehen, die Öffentlichkeit zu involvieren, und sich andererseits vor der potenziellen Vulgarität oder Unangebrachtheit des «public» fürchten.
Das Hin und Her zwischen dem Wunsch nach Teilhabe und der Angst davor, was diese einladen könnte, taucht am darauffolgenden Stammtischabend auch wieder auf. Jason Stanley, Philosoph und Autor von Büchern über Faschismus und Propaganda, spricht über die Krux der Meinungsfreiheit. Als einer der höchst gelobten demokratischen Werte kann sie auch Waffe und Kampfbegriff für Nationalisten und Faschisten werden, welche mit Gewalt ihr Recht auf Narrative des Hasses verteidigen – unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Nur um sie, wenn sie an die Macht kommen, für ihre Gegner abzuschaffen und sich gleichzeitig als die Verteidiger der freien Äusserung darzustellen. Und trotzdem gelte es, so Stanley, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, wenn man wolle, dass so etwas wie der Stammtisch stattfinden könne. Oder, viel grundlegender, irgendeine Form von demokratischem Prozess.
Ein wahrhaft demokratischer Prozess ist, nach Stanley, übrigens erst möglich, wenn sich niemand einen grösseren Teil der Teilhabe kaufen kann.
Ist die «Angst vor dem Publikum» also berechtigt? Oder darf Kunst und Kultur manchmal die von Stanley beschriebene, gleichberechtigte Teilhabe für sich beanspruchen? Das ist sehr schwer denkbar in der zunehmend undemokratischen Zeit in der wir leben.
Der Stammtisch, der das Format für Austausch und – vielleicht – auch Teilhabe des Theater Spektakels sein will, wird also gleich von Anfang an zur Selbstreflexion angehalten. Das fühlt sich produktiv und hoffnungsvoll an.
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18.08.2026
Analoger POV: Proberaum Zukunft
Dank einer Einwegkamera erhalten wir Einblicke hinter die Kulissen von Die Allianz der letzten Demokratien.
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Interview zum Thema Demokratie und Versammlung mit Helen Keller, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich
17.08.2026
DI/Strauss Technique
Erfahrungsbericht von Louisa Behr
«DiStrauss», prostet sich das Publikum mit einer 5cl Flasche Wodka in der Hand zu. Oder «Masturbate», bevor alle zusammen wild tanzend die Zeilen «Everybody needs some love and while we’re waiting we can just fuck each other, suck each other» singen. Ivo Dimchev leitet den Abend damit ein, dass die bürgerlich-elitäre Musik von Johann Strauss etwas zugänglicher sein solle. Also schrieb der Musiker und Performance-Künstler von Strauss-Melodien inspirierte Pop-Songs, die er uns dann samt Choreografie beibrachte. Wäre er dabei bei braven Zeilen und sittsamen Bewegungsabläufen geblieben, wären wir nicht bei einer partizipativen Peformance von Dimchev.
Auf eine grosse Leinwand werden in Karaoke-Ästhetik die Texte projiziert und Dimchev erklärt dem Publikum die Choreografien wie ein Sportcoach. Angelehnt an sex-positive und queere Popkultur handeln die Lieder von Selbstliebe, denn wir sollten alle mehr masturbieren. Ausserdem helfe es manchmal nur noch, zu Gott zu beten, damit wir uns nicht in unsere toxische Situationship verlieben. You get the vibe. Es gibt auch Requisiten: Mit goldenen Pompons werden passend zu den Texten Masturbationsbewegungen nachgeahmt und die langen roten Rhytmikbändern simulieren blutende Herzen. Vor jedem Song gibt es einen Schluck Wodka für alle, die wollen, und die gemeinsame Performance geht los. Die Lieder machen Spass, und ich fühle mich wie beim Rudelsingen.
Dimchev provoziert zwar mit expliziten Texten und frivolen Choreografien und in puncto Barrierefreiheit müssen die Besucher*innen sich eher auf einen Workshop, als auf eine frontale Bühnensituation einlassen. Die inhaltliche Tiefe ist «nur» angedeutet gegeben, aber ganz ehrlich? Neben all der Ohnmacht, die angesichts gesellschaftspolitischer Realitäten zum stetigen Begleiter geworden ist, tut Loslassen gut und gehört ab und zu sogar dazu. Die Leichtigkeit, die sich auch ohne Wodka eingeschlichen hätte, führt zu einem Gemeinschaftsgefühl. Das gemeinsame Singen und Tanzen lässt mich den anderen im Publikum näher fühlen und die temporäre Zusammenkunft gibt mir Zuversicht. Auf dem Nachhauseweg treffe ich zufällig eine Person in der Bahn, die ein paar Reihen hinter mir sass, und wir unterhalten uns noch kurz. Kunst kann bilden, aufklären und zum Nachdenken anregen – sie kann aber auch Gemeinschaft erzeugen und die können wir gut gebrauchen.
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15.08.2026
Ein 4D-Fiebertraum im besten Sinne
Erfahrungsbericht von Louisa Behr
Die Sonne brennt immernoch erbarmungslos auf die Landiwiese hinab, als ich mich schwitzend für den Einlass in den Spielort Süd anstelle. Es werden Fächer aus Karton ausgehändigt, gegen die stickige Hitze in der Halle selbst hilft das verzweifelte Zufächern von Luft jedoch kaum. Da sitze ich also mit schweissnassen Oberschenkeln auf dem Plastikstuhl und warte auf den Beginn von Nicolás Langes «The Killing of the First Person» – nichtsahnend, dass mein körperliches Erleben genauso gut hätte gewollt sein können.
Es geht in der Lecture Performance um die Verfolgung und Verbrennung homosexueller Menschen im Florenz des späten 15. Jahrhunderts, das scheinbar ein Hot Spot für queeres Leben im Mittelalter war. Lange fasst im ersten Teil der Aufführung die Geschichte zusammen, die ihre Wurzeln in religiös argumentierter Ablehnung gegen gleichgeschlechtliche Liebe hat, und schlägt einen Bogen ins Jetzt. Auch im 21. Jahrhundert sind queere Menschen nicht überall auf der Welt sicher und auch dort, wo wir uns in Sicherheit wägen, sind wir nicht vor Gewalttaten gefeit. Angesichts spürbarer globaler Regression von LGBTQIA+ Rechten setzt das Theater Spektakel mit einem solch expliziten Stück ein Zeichen. Das Publikum schwitzt vor Hitze, aber auch, weil die Schilderungen der Gräueltaten schwer auszuhalten sind. Dennoch schafft es die Lecture Performance im Verlauf ein Gefühl von Gemeinsamkeit, Befreiung und Widerstand zu erzeugen, das berührt.
«The Killing of the First Person» ist doppeldeutig gemeint, denn es geht einerseits wortwörtlich um den ersten Scheiterhaufen, der lediglich der Startschuss für bis heute andauernde Gewalttaten war. Andererseits geht es um das Aufheben der sprechenden Ich-Perspektive und die Möglichkeit anderer Formen des Erzählens. Im ersten Teil berichtet Lange unter anderem davon, dass die Menschen auf dem Scheiterhaufen damals mit einem Stück Orangenholz geknebelt wurden, weil es eine feuerresistente Holzart sei. Ausserdem erfahren wir, dass das italienische Wort «Finocchio» (dt. Fenchel) immer noch eine abwertende Bezeichnung für homosexuelle Männer ist und wohl daher kommt, dass damals mit dem Räuchern von Fenchelsamen der Geruch verbrannter Menschen überdeckt werden sollte. Das ist alles viel zu grausam, um wahr zu sein – aber vielleicht ist es genau deshalb wichtig, dass Lange das alles unbeschönigt ausspricht. Er sagt: «Die Welt brennt, aber sie hat schon immer gebrannt.»
Im zweiten Teil der Aufführung hat Lange dann selbst ein Stück Orangenholz im Mund und kommt bis zum Ende nicht mehr zu Wort. Was erst verbal berichtet wurde, wird von ihm und einem weiteren Tänzer choreografisch inszeniert, wobei sie immer wieder Gesten kirchlicher Rituale aufgreifen und sich aneignen. Sie kreiieren tanzend berührende Bilder in einem fulminanten Bühnenbild bestehend aus Video, Musik, Licht, Nebelmaschinen. Ich bin unentschlossen, ob Lange wirklich den Scheiterhaufen re-inszeniert oder sich vielmehr den grauenhaften Akt aneignet und daraus ein Befreiungsspektakel auf die Bühne bringt. Spätestens als der Tänzer ein Weihrauchfass schwingt, sich der Publikumsraum mit beissendem Geruch füllt, der Nebel der Nebelmaschine die Bühne verhüllt und es währenddessen immernoch stickig heiss ist, fühle ich mich wie in einem 4D-Fiebertraum. Dann fallen an Schnüren unzählige Fenchel von der Decke, ich verlasse den Spielort Süd und muss erstmal die inzwischen minimal abgekühlte, frische Luft tief in meine Lungen einsaugen. So schrecklich die Realität ist, so verbunden und bestärkt fühle ich mich den Rest des Abends innerhalb meiner queeren Community.
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13.08.2026
Die Illustratorin Lisa Walder war am Dienstag, 11. August bei den Proben von Teenage Songbook of Love and Sex und hat erste Eindrücke festgehalten.
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Trailer zum Stück
Common questions 1/10: Ásrún Magnúsdóttir, Egill Andrason, Salóme Júlíusdóttir (Reykjavík)