ICH MÖCHTE ETWAS WICHTIGES MIT DEM PUBLIKUM TEILEN – WIE EIN GEHEIMNIS, WIE EINE OFFENBARUNG
Zur Eröffnung 2026 präsentiert das Zürcher Theater Spektakel die Weltpremiere von The Killing of the First Person des chilenischen Autors und Regisseurs Nicolás Lange. In seinem Stück zieht er eine beunruhigende Parallele zwischen unserer Gegenwart und den Ufficiali di Notte, jener Institution, die jahrzehntelang das queere Leben im Florenz des 15. Jahrhunderts verfolgte und unterdrückte. Parallel zur Stückentwicklung entstand der historische Roman «La Oficina de la Noche», der auf derselben Recherche beruht und im Oktober 2026 bei Penguin Random House erscheinen wird – zunächst auf Spanisch und anschliessend in mehreren Übersetzungen.
Magst du dich als Erstes in ein paar Sätzen kurz vorstellen?
Nicolás Als Allererstes möchte ich sagen, dass es mich extrem freut, dass dieses Stück in einem Kontext uraufgeführt wird, der sich so sehr von meinem eigenen unterscheidet. Ich bin Romanautor, Dramatiker und Theaterregisseur. Ich komme aus dem Süden Chiles, aus Puerto Montt, und lebe derzeit in Amsterdam. Zuvor habe ich fünf Jahre lang in Italien gelebt – das ist an dieser Stelle wichtig, denn dort hat dieses Projekt seinen Anfang genommen.
Dein Stück fokussiert einen sehr spezifischen Kontext: die grausamen Jahrzehnte von Homophobie und queerfeindlicher Gewalt im Florenz des 15. Jahrhunderts. Was war der ursprüngliche Impuls, der dich dazu bewogen hat, diese Recherche zu beginnen?
Nicolás Alles begann damit, dass ich in Florenz praktisch keine Spuren queeren Lebens finden konnte. Es schien, als hätte es einmal eine queere Gemeinschaft gegeben, die jedoch verschwunden war. Bei meinen Recherchen in der Nationalbibliothek erfuhr ich, dass Florenz im 15. Jahrhundert die queere Hauptstadt Europas gewesen war: Von Botticelli über Leonardo da Vinci bis zu Caprotti – fast alle grossen Namen der Renaissance waren da. Bis 1432. Danach folgten siebzig Jahre, in denen homosexuelle Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Menschen verfolgten Menschen. Mich interessierte dieses Ende eines Jahrhunderts und die Art und Weise, wie das nächste begann. Dabei denke ich an unsere Gegenwart: Auch wir stehen noch am Beginn eines Jahrhunderts – im Bewusstsein, dass Rückschritte jederzeit möglich sind.
Die Renaissance wird assoziiert mit einer Explosion von Kunst und Kreativität. Ich sehe in dieser historischen Epoche eine grosse Offenheit. Ähnliches erkenne ich auch im vergangenen Jahrhundert, wenn es um Kunst und kreative Entfaltung geht. Unsere Gegenwart jedoch ist geprägt von einer gewaltigen Welle des Antiintellektualismus und der Homophobie –, diesen Vergleich konnte ich nicht vermeiden.
Du hast mit dieser Recherche begonnen, während du in Florenz gelebt hast. Wann war das?
Nicolás Von 2021 bis 2024.
War das zunächst vor allem historische Recherche? Hast du in Archiven gearbeitet? Wie bist du an diese Fragen herangegangen und wie hast du dein Material gesammelt?
Nicolás Ehrlich gesagt kann ich die Wörter «Recherche» und «Archiv» inzwischen kaum noch hören, weil ich das Gefühl habe, dass sie ständig verwendet werden – auch dann, wenn hinter einer Arbeit gar keine ernsthafte Recherche steht. In meinem Fall begann alles damit, einfach in Florenz zu sein und diese Stadt zu bewohnen, die an sich eine Art Freiluftmuseum ist.
Der eigentliche Grundstein für das Projekt waren Protokolle, auf die ich in der Nationalbibliothek von Florenz stiess: Zeugnisse von homosexuellen Männern kurz vor ihrer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen. Einer von ihnen begann unmittelbar vor seiner Verbrennung, das gesamte Alphabet aufzusagen. Das hat mich tief berührt und nicht mehr losgelassen. Von da an wurde das Projekt zu einer Arbeit über die Sprache: über die Vokale und Konsonanten, die jedes Mal verschwinden, wenn ein Mensch gewaltsam stirbt – in jedem Jahrhundert, bei jedem Massaker, überall auf der Welt.
Für mich markiert das, was in Florenz geschah, den Beginn einer Gewalt, die sich bis heute in ganz Europa und weltweit fortsetzt.
Mich fasziniert, wie diese historische Recherche letztlich ganz auf die Sprache selbst zuläuft – auf das Sprechen, auf die Wörter und insbesondere auf die erste Person.
Nicolás Ich verbinde die Verbrennung homosexueller Männer in Florenz in dieser bestimmten Zeit mit der Vorherrschaft der ersten Person in der Sprache – mit der Art und Weise, wie wir durch das «Ich» sprechen und unsere eigenen Erfahrungen zur Quelle höchster Weisheit und unumstösslicher Wahrheit machen. Ich glaube, dass sich das zeitgenössische Theater (und ebenso die Literatur, also die beiden Welten, in denen ich mich bewege) stark in Richtung individueller Erfahrung verschoben haben, zulasten kollektiver Erfahrung. Fast jedes Werk erzählt dem Publikum in einem Monolog in der ersten Person sein eigenes Leiden. Ich glaube, wir haben Angst davor bekommen, in der dritten Person, über andere, für andere, über universelle Rätsel und Fragen zu sprechen. Über sich selbst zu sprechen, fühlt sich vielleicht rebellisch an – aber das ist es nicht. Dafür gibt es die sozialen Medien.
In meiner Stückentwicklung begann ich, über mich selbst nachzudenken: über mich als homosexuellen lateinamerikanischen Autor und über all die ökonomischen und sozialen Mechanismen, die ich durchlaufen musste, um in Europa von der Kunst leben zu können (als erste Generation aus meiner Familie, die studieren konnte usw.). Gleichzeitig habe ich erkannt, wie sehr das System sowohl meine Homosexualität als auch meine lateinamerikanische Identität für den Kunstmarkt vereinnahmt hat.
An wen richtet sich diese Arbeit?
Nicolás Sie ist eine Warnung an die Welt. Vor etwas Dunklem, das greifbar ist und sich auf uns zubewegt.
Vielleicht erscheint der Vergleich dieser beiden historischen Momente zunächst sehr intellektuell. Doch ich glaube, dass meine Annäherung an das Thema zutiefst persönlich ist. Ich arbeite mit einer möglichst einfachen Sprache – einer Sprache, die sich frei zwischen dem Intellektuellen und dem Vulgären, dem Alltäglichen und dem Umgangssprachlichen bewegt. Wie Peter Gizzi schreibt: «I hate that, when syntax connects me to the rich.» Es ist ein Stück, in dem ich mich vollkommen preisgebe.
Du arbeitest mit unterschiedlichen Formen von Sprache und Ausdruck. Du bist Schriftsteller, doch hier begegnen wir dir als Theaterregisseur und zugleich als Performer. Wie verhalten sich diese verschiedenen Seiten deiner künstlerischen Praxis zueinander?
Nicolás Wenn ich einen Roman schreibe, habe ich meine Ruhe. Im Theater hingegen ist die Katastrophe immer nur einen Augenblick entfernt. Alles kann scheitern. Und bei einer so gewichtigen Geschichte wie dieser – einer Warnung vor dem Anbruch einer neuen Zeit und einem grossen Feuer, das uns alle auslöschen könnte –, halte ich es für richtig, dass auch die Aufführung selbst fragil ist.
In all meinen Arbeiten suche ich nach einer Verbindung zur Vergangenheit. So ist das erste, was das Publikum bei diesem Stück beim Betreten des Raums sieht, ein verbranntes Stück Holz.Es verweist auf das Stück Orangenholz, das den zum Tode Verurteilten vor der Verbrennung in den Mund gelegt wurde. Dieses wurde von einem Menschen zum nächsten weitergegeben: ihre letzte verbliebene Spur. Über dieses Objekt schaffe ich eine Verbindung, die es uns ermöglicht, von der Gegenwart ins 15. Jahrhundert zurückzukehren – das kann die Literatur nicht.
Und was bedeutet es für dich, selber auf der Bühne zu stehen?
Nicolás Als Performer ist es mir wichtig, an das zu glauben, was ich sage. In meinen Worten steckt viel, weil ich wirklich überzeugt bin, dass sie von Bedeutung sind. Ich glaube an das Denken. Oder besser gesagt: Ich denke, während ich spreche. Ich arbeite mich durch einen Gedanken hindurch – und ich glaube, genau das sollten Künstler*innen tun: Formen des Denkens entwickeln.
Ein chilenischer Dichter sagt, dass alles Wichtige leise gesagt werden sollte – bei einer Beerdigung, beim Sex oder wenn man jemandem ein Geheimnis anvertraut. Daran denke ich, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich möchte etwas Wichtiges mit dem Publikum teilen – wie ein Geheimnis, wie eine Offenbarung.
Als Performer bzw. allgemein im Theater fügst du dem geschriebenen Wort den Körper hinzu, die gemeinsame Anwesenheit von Körpern. Wie verstehst du das Verhältnis zwischen Körper und Sprache?
Nicolás: Der Körper macht alles komplizierter – wie jedes Objekt, das auf einer Bühne erscheint. Ein französischer Kritiker hat einmal gesagt, meine Stücke seien wie eine Autoimmunerkrankung. Sobald ausser meinen Worten noch etwas anderes auf der Bühne komme, werde das Stück schlecht, weil sprachlich schon alles bis ins Äusserste präzisiert sei.
Das ist eine der grossen Fragen meiner künstlerischen Arbeit: Wie bringt man Dinge wirklich auf die Bühne? Es klingt ganz einfach, aber darin steckt eine gewisse Alchemie. Auch dieses Stück spielt damit. Nichts in der Aufführung verändert tatsächlich seine materielle Form. Und doch glaube ich, dass etwas zutiefst Magisches darin liegt, wenn Menschen zuhören. Ich sage etwas und allein durch die Sprache können sich die Dinge verändern.
Für mich ist es eine grosse Freude, diesen Text zu performen. Ich habe das Gefühl, ein Gespräch zu führen – mit den Menschen, die da sind.
Du hast dieses Stück direkt auf Englisch geschrieben und wirst es auch auf Englisch performen, nicht auf Spanisch, was ja deine Muttersprache ist. Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?
Nicolás Mit dieser Arbeit versuche ich, mir selbst als Künstler zu entkommen: den Zuschreibungen, die einem Werk gemacht werden, noch bevor es überhaupt gesehen wurde; dieses implizite «wir gehen uns ein Stück eines schwulen südamerikanischen Künstlers ansehen». Indem ich Englisch benutze – mein fehlerhaftes Englisch –, entsteht für mich eine Geste der Universalität. Eine Öffnung hin zur dritten Person und der Versuch, dieser unmittelbaren Lesart meiner Identität als vermeintlichem Zentrum der Arbeit zu entkommen. Denn das Stück handelt von etwas anderem.
Ausserdem hat das Englische für mich eine gewisse Schlichtheit. So wie Jonas Mekas seine Filme mit seinem Akzent kommentiert hat, oder wie Jorge Luis Borges sagte, Englisch sei die nuanciertere Sprache. Ich glaube, dass diese Einfachheit den Text präziser und eindringlicher macht – besonders, wenn es um Gewalt geht.
In gewisser Weise handelt «The Killing of the First Person» genau davon: aufzuhören, aus dem eigenen «Ich» heraus zu sprechen. Deshalb wollte ich nicht noch eine weitere Ebene hinzufügen, indem ich sage: «Ich spreche jetzt zu euch in meiner Muttersprache.» Das würde nur meine eigene Identität vor das Werk stellen. Darum geht es mir. Andernfalls gäbe es bereits einen Blickwinkel, mich anzusehen und interpretieren, wer ich bin – und genau das möchte ich in dieser Arbeit vermeiden.
Was erwartet das Zürcher Publikum? Oder vielleicht anders gefragt: Was hoffst du, werden sie erleben?
Nicolás Was mir aktuell am meisten Angst macht, ist diese Welle des Antiintellektualismus und die Art und Weise, wie sie allmählich auch in die Kunst einsickert. Das klingt vielleicht wenig erbaulich, aber ich hoffe vor allem, dass diese Arbeit das Publikum zum Denken anregt.
Ich würde nicht einmal von einem unbequemen Gedanken sprechen. Ich behaupte auch nicht, dass dieses Stück notwendig oder besonders dringlich wäre. Es ist vielmehr ein Stück, das vor etwas warnt, das ich als zutiefst erschreckend empfinde. Gleichzeitig ist es von der Schönheit der Sprache und von Poesie durchdrungen. Es ist eine Arbeit, die über viele Jahre gereift ist. Ich habe lange mit diesem Material gelebt und habe das Gefühl, dass es nun endlich seine Form gefunden hat.
Wer das Stück sieht, wird eine Geschichte über siebzig Jahre Verfolgung und über Menschen hören, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Vor allem aber wird spürbar, wie sich dieser Kreislauf der Gewalt im Laufe der Geschichte immer wieder wiederholt hat.
Das Publikum wird mich völlig nackt sehen – wenn auch nur, metaphorisch, durch die Sprache. Die Zuschauer*innen werden einem anderen Körper begegnen. Sie werden erleben, wie die dritte Person den Raum betritt. Sie werden sehen, wie die Dinge selbst beginnen, die Bühne einzunehmen. Sie werden auch homosexueller Liebe begegnen – der Liebe als einer Form der Rettung in schrecklichen Zeiten.
Ich denke, in diesem Text ist eine radikale Aufrichtigkeit. Und ich denke, dass Aufrichtigkeit heute ein mutiger Akt ist. Es ist eine schwierige Geste, weil sie durchdacht sein muss. Man muss bereit sein, in den Widerspruch zu gehen und diesen auszuhalten.
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Credits
Interview: Lea Loeb
Das Gespräch fand auf Spanisch statt.
Übersetzung auf Englisch: Lea Loeb
Lektorat auf Englisch: Franziska Henner
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Fotos: © zvg, Thomas Lenden, Peteris Viksna