Hoffnung ist der Anfang von allem

Interview mit Lola Arias

 

Seit nun mehr zwanzig Jahren verarbeitet die argentinische Regisseurin und Autorin Lola Arias in ihren Stücken, Filmen, Texten und weiteren Kunstformen menschliche Erfahrungen und gesellschaftspolitische Entwicklungen. Die Findung und Erarbeitung der Themen ihrer Arbeiten fusst dabei stets auf den Gesprächen und Erfahrungen mit Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Für ihr aktuelles Community-Projekt arbeitete Arias jahrelang mit ehemaligen argentinischen Inhaftierten zusammen. Spezifisch interessierten sie die  Leben von queeren Frauen, sowie trans Menschen mit krimineller Vergangenheit. Zunächst erstand aus dieser Kollaboration «Reas», ein Film zwischen Dokumentation und Musical, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte. Im Anschluss reiste Arias von Berlin nach Buenos Aires, um dort mit einem Teil der Protagonist*innen des Films einen Theaterabend zu inszenieren, der sich in derselben Welt bewegt, auf denselben Recherchen fusst und im Sommer diesen Jahres an das Zürcher Theater Spektakel kommen wird. Ein paar Tage vor Beginn der Berlinale sprach unser Autor Sascha Ehlert mit Lola Arias über ihre Arbeitsweise, über Ungleichheit und die Schwächen des argentinischen Gefängnissystems.

Lola Arias, portraitiert von Eugenia Kais
Lola Arias, portraitiert von Eugenia Kais

 

Du bereitest dich gerade auf die Weltpremiere von «Reas» auf der Berlinale vor, einem Film, den du als «hybrides Musical» bezeichnet hast. Was ist ein hybrides Musical?

«Reas» ist ein dokumentarisches Musical, ein Genre, das es nicht gibt. Es ist ein sehr einzigartiges Experiment: Der Film basiert auf Recherchen und Interviews, die ich mit Menschen geführt habe, die sich in den letzten Jahren in verschiedenen Frauengefängnissen geoutet haben, mit cis Frauen und  trans Personen. Es ist also ein Dokumentarfilm in dem Sinne, dass das Drehbuch, das ich für den Film geschrieben habe, auf den Geschichten basiert, die sie mir erzählt haben, und dass sie ihre Erfahrungen aus dem Gefängnis nachspielen. Andererseits ist es aber auch eine sehr fiktionale Art, diese Geschichten zu erzählen, denn sie treten auf, als wären sie Figuren in einem Spielfilm. Ausserdem werden die Szenen oft plötzlich durch Musik und Tanz unterbrochen. In diesem Sinne hat der Film also etwas sehr Reales, weil er auf dem basiert, was sie erlebt haben, und auf der anderen Seite ist er sehr fiktional, weil sie tatsächlich inmitten dieses ehemaligen Gefängnisses, das zum Schauplatz des Films wurde, auftreten, tanzen und singen.

«Los días afuera», dein neues Stück, wird in einem fiktiven Nachbau desselben Gefängnisses aufgeführt und teilt auch Teile der Besetzung des Films und dessen Themen. Wie können wir uns die Beziehung zwischen diesen beiden Kunstwerken vorstellen?

Zunächst einmal: Es ist nicht neu für mich, an zwei verschiedenen künstlerischen Projekten zu arbeiten, die auf derselben Untersuchung beruhen. Ich habe das schon bei meinem Projekt über den Malvinas-Krieg gemacht, aus dem das Theaterstück «Minefield» und der Film «Theater of war» resultierten. Und im Fall von «Reas» denke ich, dass sich der Film auf die Zeit im Gefängnis konzentriert, also auf das, was mit den Menschen passiert ist, während sie im Gefängnis waren. «Los días afuera» konzentriert sich viel mehr auf die Auswirkungen dessen, was nach dem Knast passiert. Wie kehrt man in die Gesellschaft zurück? Wie findet man einen Job, wenn man vorbestraft ist? Wie baut man die Beziehung zu seiner Familie, zu seinem Partner wieder auf, wenn man noch einen hat?

Gefängnisse auf der ganzen Welt haben wahrscheinlich ähnliche Probleme, aber kannst du uns ein wenig mehr über die spezifischen Probleme des argentinischen Gefängnissystems erzählen?

Die Zahl der Inhaftierten in Argentinien und Lateinamerika nimmt immer mehr zu. In Argentinien ist der Anteil an Frauen in den letzten 20 Jahren stark angestiegen, weil viele von ihnen wegen Drogenschmuggels in sehr geringem Umfang verhaftet wurden. Wie zum Beispiel Yoseli, die Hauptfigur des Films, die mit zwei Kilo Kokain erwischt wurde. Diese zunehmenden Inhaftierungen tragen jedoch nicht dazu bei, die Ketten des Drogenhandels zu zerschlagen. Sie erwischen nur die kleinen Fische und nicht die Bosse, so dass das Drogengeschäft nicht beeinträchtigt wird, weil die Schmuggler*innen sofort durch andere ersetzt werden.

Die meisten Menschen im Frauengefängnis sind wegen Drogenhandel und Raubüberfällen dort, nicht wegen Gewaltverbrechen. Sie leben meist in sehr prekären und elenden Situationen, in denen sie keine anderen Möglichkeiten zum Überleben sehen, als sich an illegalen Aktionen zu beteiligen. Die Gefängnisse in Lateinamerika sind im Wesentlichen Lagerstätten für arme Menschen - diejenigen, die über genügend Mittel verfügen, landen gar nicht erst im Knast. In den Randbezirken von Buenos Aires hat jeder einen Sohn, eine Tochter oder einen Freund, der im Gefängnis gesessen hat. Es ist die Normalisierung einer schrecklichen Situation.

Du reist nächsten Monat für die Proben und die Premiere von «Los días afuera» nach Buenos Aires.  Worauf wirst du dich in dieser Zeit konzentrieren?

Wir haben schon im Oktober 2023 mit der Arbeit begonnen. Derzeit bin ich also bereits dabei, Texte und Szenen zu schreiben, die auf den Erfahrungen der Schauspieler*innen basieren. Wir recherchieren, untersuchen und überlegen, wie wir bestimmte Aspekte ihres Lebens darstellen und in Frage stellen können. Von der Arbeitssuche über die Liebe und den Sex während und nach der Haft bis hin zu ihrer Beziehung zur Stadt und den Vierteln, in denen sie leben.

Spielen bei «Reas» mit: Noelia Pérez, Estefanía Hardcastle, Paula Asturayme, Yoceli Arias, Nacho Rodriguez and Carla Canteros (von links nach rechts). | Foto: Eugenia Kais
Spielen bei «Reas» mit: Noelia Pérez, Estefanía Hardcastle, Paula Asturayme, Yoceli Arias, Nacho Rodriguez and Carla Canteros (von links nach rechts). | Foto: Eugenia Kais

Wie verändert sich so ein Stück von der ersten Inszenierung bis es an einem Festival wie dem Zürcher Theater Spektakel gezeigt wird?

Meine Art von Arbeit ist immer wie ein lebendiges Wesen. Es ist also kein Stück, das die ganze Zeit über gleich bleibt. Auch das Leben unserer Schauspieler*innen wird sich verändert haben, ihre Erfahrungen könnten sich geändert haben, wenn das Stück in Zürich ankommt, und so wird die Aufführung im Grunde in einem neuen Kontext stattfinden.

Du wirst mit diesem Stück ziemlich viel touren. Was sind die Wünsche und Hoffnungen, die du und die Schauspieler*innen für diese Tournee haben? Was wäre das beste Ergebnis?

Eigentlich gibt es «Los días afuera», weil einige der Künstler*innen, mit denen ich für «Reas» zusammengearbeitet habe, den Wunsch hatten, weiter zusammenzuarbeiten, um unsere gemeinsame Forschung fortzusetzen. Natürlich stellt das für sie auch eine Möglichkeit dar, einen festen Job zu haben, nachdem sie lange Zeit unter prekären Bedingungen leben mussten. Ich bin also schon sehr froh über die Zukunftsperspektive, die sie so gewonnen haben. Aber das Schönste ist wahrscheinlich die Anerkennung und die Ermächtigung, die sie durch die Aufführungen erhalten haben. Es ist schwer vorherzusagen, was in der Zukunft passieren wird, aber was bis jetzt schon passiert ist, ist, dass die Zusammenarbeit für den Film und das Theaterstück ihnen ein Netzwerk von neuen Menschen, einen Job und vor allem Hoffnung gegeben hat. Und Hoffnung ist der Anfang von allem.

 

Credits
Interview: Sascha Ehlert
übersetzt aus dem Englischen von Franziska Henner