WAS WERDEN WIR TUN, WENN DER KRIEG BEGINNT – KÄMPFEN ODER FLIEHEN?


Am 24. Februar 2022 griff die russische Armee die Ukraine von allen Seiten an, auch vom belarusischen Territorium aus. Wir sprachen mit den beiden Tanzkünstler*innen Agnietė Lisičkinaitė (Litauen) und Igor Shugaleev (Belarus/Polen) darüber, wie sich dieser Krieg auf die gesamte Region auswirkt. Ein Thema, das sie auch in ihrer Performance «Clap & Slap» verhandeln, die im August beim Theater Spektakel zu sehen sein wird.

Es ist ziemlich genau vier Jahre her, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Erinnert ihr euch daran, was ihr am 24. Februar 2022 gemacht habt? Wo ihr wart, als ihr von der Invasion gehört habt?

 

Igor Für mich war es eine Zeit des ständigen Umziehens: mal hatte ich für ein paar Wochen eine Wohnung, dann kam ich bei Freunden in verschiedenen Städten und Ländern unter. Im Februar beschloss ich, in Polen zu bleiben, und fand eine eigene Wohnung in Warschau. In jener Woche hatte ich auch eine kurze Residenz für belarusische Künstler*innen im Exil, wobei wir aufgrund der aktuellen Ereignisse alle Veranstaltungen absagten. Zu realisieren, dass ein Krieg beginnt, war ein grosser Schock. Für mich ganz besonders, weil Russland die Ukraine von unserem Territorium aus angegriffen hat. Das war sehr schmerzhaft. In den folgenden Tagen und Wochen suchten viele Ukrainer*innen Zuflucht in Polen und ich wollte helfen. Die erste Geflüchtete, die ich aufnahm, hatte ich tatsächlich schon einmal getroffen: 2020 in Kyiv.

Agnietė Ich habe an diesem Tag unterrichtet. Ich las die Nachrichten erst zuhause auf dem Sofa. Dort blieb ich stundenlang sitzen und scrollte, bevor ich raus ging und mich der Demonstration vor der russischen Botschaft in Vilnius anschloss. In den folgenden Tagen wurden alle Proben und alle Kurse abgesagt – wir waren alle paralysiert. Ich stand eine Woche lang einfach nur vor der russischen Botschaft. Die Gruppe von Menschen, die sich dort gebildet hatte, hat mir geholfen, mit allem fertig zu werden.

 

Inwiefern hat diese Invasion euren Alltag verändert?

 

Igor Die Realität, in der sowohl Agnietė als auch ich seither leben, ist, dass sich unsere Region auf Krieg vorbereitet: Während wir in Vilnius probten, gab es Militärübungen und SMS-Alarme. In Polen erhalten die Menschen kleine Ratgeber, in denen erklärt wird, was im Ernstfall zu tun sei. Dieses Gefühl der Vorbereitung ist überall zu spüren und wird durch die Nachrichten noch verstärkt: So erklärte Polen beispielsweise im Dezember das grosse Luftabwehrsystem Patriot sei nun voll einsatzbereit.

Agnietė In Litauen sind wir sehr konkret vorbereitet: Alle haben einen Notfall-Rucksack gepackt mit Powerbanks, Reisepass und Bargeld. Und ich weiss, dass alle meine Freund*innen mit ihren Familien darüber gesprochen haben, was wir tun werden, wenn der Krieg ausbricht – kämpfen oder fliehen.

Geografisch liegt Litauen nördlich von Belarus, das auch an Lettland, Russland, die Ukraine und Polen grenzt. Könnt ihr uns einen Crashkurs geben zu den historischen und politischen Zusammenhängen – aus eurer jeweiligen Perspektive?

 

Agnietė Russland hat viele, viele Jahre lang Belarus, Litauen und alle ehemaligen Sowjetstaaten besetzt, und wir alle leben mit den Folgen dieser Geschichte. Der Krieg in der Ukraine ist eine Fortsetzung davon, Belarus ist nicht frei. Nach vier Jahren Krieg haben sich die Emotionen gelegt, aber meine grösste Angst ist und bleibt: Sie werden weiterziehen, wenn sie mit der Ukraine fertig sind; und wir könnten die Nächsten sein.

Igor In Belarus gab es 2020/21 massive Proteste gegen das Regime von Lukaschenko, und es schien, als würde die ganze Welt das belarusische Volk unterstützen. Nach dem 24. Februar 2022 änderte sich aufgrund unserer Beteiligung alles. Seitdem haben sich jedoch viele Belarusen als unabhängige Kämpfer*innen dem Krieg der Ukraine angeschlossen, wofür sich Selenskyj bei einer Rede in Vilnius Ende Januar gerade erst bedankte.

Ihr kanntet euch bereits vor Februar 2022. Hat sich auf persönlicher Ebene etwas verändert?

 

Agnietė Ich gehörte zu den Menschen, die die Revolution in Belarus immer unterstützt haben, und ich kannte Igor aus dieser Zeit. Ich kannte auch seine Arbeit. Nach der russischen Invasion traf ich die Entscheidung, dass ich die russische Sprache um mich herum nicht mehr hören und mich nicht mehr mit dem beschäftigen wollte, was ich für russische Mentalität hielt. Igor spricht Russisch, weil die belarusische Sprache seit 1994 systematisch verboten ist. Ich habe ihn in einen Kontext gestellt, von dem ich mich distanzieren wollte. Das warf für mich unangenehme Fragen auf – über meine Gefühle, über mich selbst und darüber, was meine menschlichen Werte eigentlich sind. Nicht meine politischen Ansichten, sondern meine menschlichen Werte. Dieser innere Konflikt steht im Mittelpunkt unserer Performance.

War das von Anfang an klar oder was war euer Ausgangspunkt?

 

Agnietė Als wir uns für die Zusammenarbeit entschieden hatten, wussten wir noch nicht, worum es in dieser Performance gehen soll. Aber dann wurde ich gefragt: «Du willst mit einem Belarusen zusammenarbeiten – bist du dir sicher? Ist er gut oder schlecht?» Diese Frage wurde für uns zum Ausgangspunkt.

Igor Wir erkannten beide, dass wir unterschiedliche Formen von Schuld mit uns trugen – ich im Zusammenhang mit der Nutzung unseres Territoriums durch Russland, Agnietė im Kontext von Cancel Culture und Versöhnung. Von da an begannen wir eine gemeinsame Bewegungsforschung, die sich auf Bestrafung konzentrierte und sich auf kirchliche Rituale und verkörperte Vorstellungen von Schuld stützte.

Agnietė Da wir beide in unserer Praxis dazu neigen, choreografisches Material zu reduzieren, haben wir die Arbeit auf eine einfache Begegnung beschränkt: zwei Hände, zwei Perspektiven. Wenn sie sich begegnen oder Geräusche erzeugen wollen – «Clap and Slap» –, müssen sie Kraft anwenden.

Klatschen im Theater ist auch eine Form der Beteiligung des Publikums.

 

Igor Klatschen reflektiert, wie Menschen – inklusive uns beiden – oft Beobachter*innen bleiben: Sie schauen von aussen zu, bieten manchmal Unterstützung an, greifen aber letztendlich nicht ein. Auf der Bühne schlagen sich zwei Personen gegenseitig, während das Publikum zum Klatschen aufgefordert wird. Es ist eine einfache, aber metaphorische Situation, die darauf hinweist, wie leicht wir uns für die Position des Zuschauers entscheiden.

Das Konzept, nur zu beobachten und nicht einzugreifen, ist uns in der Schweiz sehr vertraut. Unsere Neutralität wurde oft als moralische Abgrenzung beschrieben.

 

Agnietė Nur Länder, die seit zweihundert Jahren nicht mehr in einen Krieg verwickelt waren, können es sich leisten, die weisse Flagge zu hissen. Wir haben diese Möglichkeit nicht. Wir hissen die Flaggen der Ukraine, von Belarus oder Palästina – denn in unserer Situation müssen wir Partei ergreifen. Wenn es um das Überleben geht, gibt es weder Zeit noch Raum für Neutralität.

Ich wünsche mir, dass die Menschen während unserer Show nicht neutral bleiben. Ich wünsche mir, dass sie sich emotional einbringen, nicht unbedingt in Bezug auf unsere Geschichte, sondern ganz allgemein, um einen Dialog in Gang zu bringen.
 

Ihr seid seit 2025 mit der Performance auf Tour. Welche Reaktionen wünscht ihr euch oder sind euch bisher besonders in Erinnerung geblieben?

 

Igor Aus belarusischer Sicht war es wichtig, diese Spannungen zwischen Litauen und Belarus endlich anzusprechen. Es lag eine Spannung in der Luft, ohne dass sie jemals ausgesprochen wurde.

Agnietė Wir waren uns sehr bewusst, dass diese Performance aus zwei Perspektiven gesehen werden würde: aus einer osteuropäischen und einer westeuropäischen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, in erster Linie ein westliches Publikum anzusprechen. Unser Ziel war es, eine klare Botschaft zu verbreiten: Wir sind immer noch hier, der Krieg dauert an, und Igor hat noch immer keine gültigen Papiere.

 

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Credits
Interview: Philine Erni
Das Gespräch fand auf Englisch statt. 
Übersetzung auf Deutsch: Philine Erni
Korrektorat Englisch: Franziska Henner
Fotos: ©M. Norvaiša