Das war das Zürcher Theater Spektakel 2023

Was für ein Abschluss: Auf der Saffainsel performten 50 Zürcher*innen jeden Alters vor hunderten Zuschauenden die Entschleunigungs-Choreografie «Slow Show» des französischen Choreografen Dimitri Chamblas vor abendlichem Alpenpanorama, während die kanadische Musikerin Feist die Besucher*innen in der ausverkauften Werft mit einem besonderen intimen Konzertprojekt verzauberte. Der Abend, der buchstäblich im Publikum mit einer Stunde Solo-Konzert begann, endete überraschend mit grosser Popgeste mit Band und Video-Show auf Breitband-Leinwand und -Bühne ohne die aussergewöhnliche Nahbarkeit und Nähe zum Publikum zu verlieren. Im Nord feierte zeitgleich die frisch preisgekrönte Tanz-Produktion Nadia Beugrés von der Elfenbeinküste mit ihrer dritten ausverkauften Vorstellung Dernière. Das Festival 2023 endete an einem stimmungsvollen Sommerabend mit einer aufregenden Spanne von Projekten der Performing Arts vor vollen Rängen.

Eine einzigartige Kulisse für internationale Kunst: Die Landiweise direkt am Zürichsee | Foto: Kira Kynd

Grosse Emotionen und riesige Bandbreite

Die einzigartige Festivalatmosphäre war auch in diesem Jahr geprägt von grossen Emotionen und einem wunderbaren Nebeneinander von kuratiertem internationalen Programm und spontaner Strassenkunst. Gezeigt wurde eine riesige Bandbreite an künstlerischen Formaten – von Theater und Tanz über Performance, Zirkus, Installation und Konzert bis hin zu Diskurs- und Austauschformaten und vielem, was in keine dieser Kategorien passt. Bestimmt wurde das Festival auch von extremen Wetterverhältnissen: Von schweisstreibenden Indoor-Veranstaltungen bei 36 Grad bis hin zu Abenden, an denen das Publikum, in Daunenjacken und Decken gehüllt, gemeinsam mit den Künstler*innen um die Wette bibberte, war in diesem Jahr alles dabei. Unvergesslich bleiben wird der Moment, in dem das gesamte Team der australischen Compagnie Circa nach orkanartigen Regengüssen gemeinsam mit unserer Technikcrew die Seebühne trockenwischte, damit die ausverkaufte Vorstellung dennoch stattfinden konnte.

 

Publikumslieblinge

Natürlich hat es auch viele andere Publikumshighlights gegeben – stellvertretend seien hier die energiegeladene Eröffnungspremiere «One Song» der belgischen Künstlerin Miet Warlop genannt oder die französisch-katalanische Zirkuscompagnie Baro d’evel, die die Besucher*innen in «Falaise» mit atemberaubender Artistik und poetischen Bildwelten verzauberte. Für helle Begeisterung und ausverkaufte Vorstellungen sorgten auch «Petróleo» des feministischen Kollektivs Piel de Lava aus Argentinien sowie der berührende musikalische Theaterabend «All right. Good night.» von Helgard Haug von Rimini Protokoll und der mitreissende Vortrag der grossen Denkerin Silvia Federici, die augenscheinlich mehrere Generationen von Feminist*innen auf der vollbesetzten Seebühne in ihren Bann zog. Bei «Orchesterkaraoke» durften die mutigsten unserer Zuschauer*innen dann endlich auch einmal selbst die Bühne entern und vor vollen Rängen zur Begleitung des Sinfonieorchesters TiFiCo Karaoke-Klassiker von Züri West bis Lady Gaga zum Besten geben. Was für ein Ereignis!

Sorgte bereits am ersten Festivaltag für Begeisterungsstürme auf der Seebühne: «One Song» | Foto: Kira Kynd

Lust auf neue Perspektiven und Reflektion über die komplexen Krisen unserer Gegenwart


Mit einer durchschnittlichen Auslastung von 86% der 92 kostenpflichtigen Vorstellungen im Hauptprogramm, mit über 70 frei zugänglichen Vorstellungen am Zentral sowie DeZentral und unzähligen weiteren Strassenkünstler*innen, die die Landiwiese in eine grosse Bühne verwandelten, gab es beim Theater Spektakel jede Menge zu erleben. Dass sich das Publikum so zahlreich und lustvoll auf neue Perspektiven eingelassen hat und bereit war, sich auch mit den komplexen Krisen unserer Gegenwart auseinandersetzen, hat uns sehr berührt und auf unserem Weg bestätigt. Dies übrigens auch in Momenten, in denen die Dinge sich anders entwickelten als geplant, zum Beispiel als wir realisierten, dass die grosse «Liveboat»-Installation der Gruppe Plastique Fantastique offensichtlich nicht nur als begehbarer Reflektionsraum zu Fragen der Migration an Europas Aussengrenzen verstanden werden kann, sondern auch als geheimnisvoller Höhlenparcours, von dem eine immense Anziehungskraft vor allem auf unser jüngstes Publikum auszugehen schien…

Im Innern des riesigen «Liveboats», das nach einer langen Odyssee auf der Landiwiese gestrandet ist. Foto: Kira Kynd

ZKB Preise 2023

Zum Abschluss des Festivals wurden am vergangenen Samstag die ZKB Preise verliehen, mit denen die Zürcher Kantonalbank als Hauptpartnerin seit über zwanzig Jahren am Festival auftretende Künstler*innen auszeichnet. Den mit CHF 30 000 dotierten ZKB Förderpreis verlieh die Jury (Antje Schupp, Kristina Savickienė, Miriam Ibrahim, Rosette Nteyafas und Shinu Kim) an Nadia Beugré für das Stück «L’homme rare». Der mit CHF 5000 dotierte ZKB Anerkennungspreis ging an Khun Sreynoch & Ny Lai für den Short Piece-Doppelabend «Sronoh & Snow White». Den von unseren Besucher*innen per Stimmabgabe ermittelte und mit CHF 10 000 dotierte ZKB Publikumspreis ging an den palästinensischen Künstler Basel Zaraa für «Dear Laila», eine interaktive Installation über Krieg, Vertreibung und Exil, über Alltag und Widerstand.

Grosse Freude bei der Verleihung der diesjährigen ZKB Preise | Foto: Kira Kynd

Danke!

Unzählige Menschen haben uns bei diesem Festival geholfen und haben uns unterstützt. Ein riesiger Dank geht an all unsere Mitarbeiter*innen für ihr enormes Engagement, an unsere Partner*innen für die zuverlässige und grosszügige Unterstützung – und ganz besonders an unser Publikum, das so zahlreich gekommen und uns stets neugierig, offen und im positiven Sinne kritisch begegnet ist.

Die nächste Ausgabe des Zürcher Theater Spektakels findet vom Donnerstag, 15. August, bis Sonntag, 1. September 2024 statt. Wir freuen uns, wenn Sie wieder dabei sind!