Von alten Freundschaften und neuen Herausforderungen

[Translate to English:] «Violine Phase» war 1983 am Theater Spektakel zu sehen, damals getanzt von Anne Teresa de Keersmaerker. 2019 tanzt Yuika Hashimoto das legendäre Solo auf der Saffainsel.

Liebes Publikum

Es ist ein spannendes Jahr. Während demokratiefeindlicher Populismus vielerorts immer noch Aufwind hat, ist mit Fridays for Future die grösste globale Jugendbewegung der Geschichte entstanden. Wer in den letzten Wochen mit den Jugendlichen zum Klimastreik auf der Strasse war, weiss, wie hoffnungsvoll sich demokratisches Engagement anfühlen kann. «Wenn wir nicht damit beginnen, für unsere Zukunft einzustehen, wird niemand den Anfang machen. Wir selbst sind die, auf die wir gewartet haben», heisst es in ihrem jüngsten Aufruf.

Auch wir wollen nicht länger auf uns warten. Das Theater Spektakel wurde in einer Zeit der Jugendunruhen gegründet und hat aus diesem gegenkulturellen Selbstverständnis immer auch politische Kunst nach Zürich eingeladen – auch dieses Jahr. Es gehört zu unserer Aufgabe, das immer wieder zu hinterfragen − auch in der 40. Ausgabe des Festivals. Was sage ich meinem Kind am Freitagabend nach dem Klimastreik, wenn ich am Samstagmorgen ins Flugzeug steige, um internationale Kunst anzusehen?

Viele Künstler*innen des Festivals produzieren Begegnungen mit Realitäten, die uns sonst nicht erreichen würden. Sie bieten eine andere Wahrnehmung von globaler und lokaler Ungleichheit, ermöglichen einen anderen Blick auf unsere eigene Wirklichkeit und formulieren im besten Fall neue Utopien. Die junge syrische Künstlerin Hiba Alansari verdeutlicht anhand eines in den Trümmern gefundenen Schulbuchs die Allgegenwart von Verlust in Syrien. Phia Ménard zerstört mit schönsten Bildern das Patriarchat. Australische Kinder erzählen in «You All Know What's Happening» die politisch unglaubliche Geschichte der Insel Nauru. Der südafrikanische Künstler William Kentridge zeichnet in seiner «Drawing Lesson II – A Brief History of Colonial Revolts» vermeintlich nicht existente deutsche Kolonialgeschichte nach.

Kentridge war als junger Künstler kurz nach dem Ende der Apartheit am Zürcher Theater Spektakel und kommt zur 40. Ausgabe als Star der internationalen Kunstszene wieder, so wie Anne Teresa De Keersmaeker und die Needcompany. Wir laden Sie, liebes Publikum, am Samstag, 17. August, ein, das Jubiläum mit einer Performance von Boris Charmatz auf der ganzen Landiwiese und an einer grossen gemeinsamen Tafel zu feiern, umsonst und draussen. Der französische Choreograf arbeitet darüber hinaus während des ganzen Festivals an einem umfangreichen neuen Projekt − «Un essai à ciel ouvert. Ein Tanzgrund für Zürich» − mit vielen frei zugänglichen oder partizipativen Momenten.

Migration und Teilhabe bleiben zentrale Themen für das Festival. In unserem neuen Raum Zentral oben sind lokale aktivistisch-künstlerische Gruppen Gastgeber für Begegnungen. Wir bieten wieder auf allen Verkaufswegen Solitickets an, mit denen Sie Menschen mit geringem Einkommen ermöglichen können, das Festival mitzuerleben. In unserem diskursiven Programm aus Stammtisch und der Vortragsreihe «Talking on Water» schaffen wir auch dieses Jahr wieder Raum für Perspektiven aus dem globalen Süden und thematisieren dies in der Zusammenarbeit mit dem Internetmagazin zollfreilager.net. Ergänzend haben wir mit Boris Charmatz ein Symposium zu einer Kulturinstitution der Zukunft entwickelt.

Wir wünschen Ihnen schöne und unterhaltsame Abende am Theater Spektakel. Wir hoffen, dass es sich dabei auch um den Beginn der Zukunft handelt, auf die wir gewartet haben, und bei Ihnen um Festivalgäste for Future!

Bis Donnerstag!

Das Leitungsteam
Veit Kälin, Delphine Lyner, Matthias von Hartz