Editorial der Festivalleitung

Liebes Publikum

Wir sind wieder da. Mit dem Sommer ist das öffentliche Leben in vielen Ländern Europas zurückgekehrt und mit ihm Begegnungen, Reisen, Internationalität, Kunst vor grösserem Publikum. Auch mehr Zürcher Theater Spektakel als letztes Jahr ist wieder da. Doch wo sind wir denn da gelandet? Findet dieses Festival am Ende einer Unterbrechung statt oder am Anfang einer Veränderung?

Es war in dieser speziellen Zeit ein noch grösseres Privileg als sonst, im internationalen Dialog ein Kunstfestival vorzubereiten. Wenn wir nicht durch die Gespräche mit den Künstler*innen in unserem internationalen Netzwerk immer wieder in die Welt zurückgeholt worden wären, hätten wir vielleicht noch gedacht, dass zum Beispiel die Frage, wann wir auf einer Restaurantterrasse sitzen dürfen, wichtig sei. Viele der auftretenden Künstler*innen reisen aus Ländern an, in denen die Menschen aufgrund ungerechter Verteilung noch lange auf Impfstoff warten müssen. Das ist aber nicht das Einzige, was in diesen Gesprächen Irritationen auslöst. Warum es reiche europäische Gesellschaften überhaupt bis an die Belastungsgrenzen der Intensivstationen kommen lassen, ist aus vielen Perspektiven schwer verständlich.

Die bildende Künstlerin Vlatka Horvat und der Theatermacher Tim Etchells haben 15 internationale Künstler*innen gefragt, was in diesem Sommer unserer Aufmerksamkeit bedarf, wer öffentlich Raum bekommen sollte, welcher Idee ein Denkmal gebührt. Gerade jetzt, eigentlich schon länger oder endlich mal. Dafür haben sie aus der Ferne Monumente entwerfen lassen, die während des diesjährigen Festivals auf der Landiwiese stehen. Seit letztem Jahr finden Künstler*innen immer wieder Wege, wie ihre Arbeiten ohne sie selbst reisen und physisch präsent sein können. Exemplarisch sei hier «Presence» von Royce Ng erwähnt, der von Hongkong aus Avatare auf unsere Bühne schickt. Wir setzen zudem das im vergangenen Jahr eingeführte Audio-Format «Collective Listening» fort – etwa mit einer Arbeit der libanesischen Theatermacherin Chrystèle Khodr.

Unter den über 30 internationalen Projekten, die Sie auf unseren Bühnen und der Landiwiese sehen, gibt es unglaubliche zehn Welturaufführungen! Sie kommen – hoffentlich – unter anderem aus Hongkong, Casablanca, Windhoek, Tokio, Yogyakarta, London, Bogotá und Zürich. Am Ufer der Saffainsel wird ein Schiff von der kolumbianischen Pazifikküste anlegen. Es ist Teil eines Porträts des transdiziplinären Werks von Mapa Teatro aus Bogotá. Seit über 30 Jahren untersucht und beschreibt die Gruppe die kolumbianische Gesellschaft mit Kunst. Ihre Auseinandersetzung mit der brutalen Geschichte des Landes steht durch die aktuellen gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem neuen Licht. Mehrere Projekte des Festivals beschäftigen sich mit der Gewalt, der Menschen und Natur ausgesetzt sind. Marina Otero und Mónica Calle zeigen allen Herausforderungen zum Trotz die bemerkenswerte Lebendigkeit, Virtuosität und Widerständigkeit menschlicher Körper und Gemeinschaften.

Das diesjährige Theater Spektakel findet nicht nur auf der Landiwiese statt. Nie gab es so viele Kooperationen mit Institutionen in der Stadt. Wir zeigen neue Projekte zusammen mit dem Fabriktheater, dem Theater Hora, der Gessnerallee, dem Tanzhaus Zürich und dem Neumarkt. Darunter finden sich Produktionen der anderen Häuser, die nach den Schliessungen nun während des Festivals endlich das Zürcher Publikum erreichen, wie auch Koproduktionen von mit dem Festival verbundenen internationalen Künstler*innen. 

Die Architektur unseres Festivalgeländes trägt den speziellen Bedingungen dieses Jahres Rechnung. Wir werden nur eine unserer temporären Spielstätten aufbauen und nur sehr wenig Gastronomie anbieten. Dafür gibt es einige Projekte im öffentlichen Raum und eine neue Bühne am Ufer. Strassenkunst können Sie wie im vergangenen Jahr unter der Woche dezentral in der Stadt sehen und zudem am Wochenende zentral auf der Landiwiese. Für alle Spielstätten gelten Zugangsregeln gemäss den geltenden Bestimmungen. Die aktuellen Informationen dazu finden Sie auf unserer Website. Es ist uns ein Anliegen, das Festival so sicher wie nötig und gleichzeitig so zugänglich wie möglich zu halten. Das wird wohl nicht ganz ohne kleinere Hindernisse gehen. Kommen Sie an unseren Desk und lassen Sie uns gemeinsam versuchen, die zu überwinden.

Mit diesem Festival blicken wir zurück auf ein Jahr, das in vielen Teilen der Welt nicht nur wie hier unbequem war, sondern noch immer verheerend ist. Gleichzeitig ist das Theater Spektakel 2021 auch ein Moment des Aufbruchs, der lachenden Begegnung und der internationalen Gemeinschaft. Wir freuen uns darauf, Sie wieder zu treffen!

Die Festivalleitung
Matthias von Hartz, Sarah Wendle, Veit Kälin